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Freitag, 19. März 2010

Der moderne Mastbetrieb: Fast Food und Dauerbeschallung

Ich esse ja allgemein sehr gerne an Plätzen, die ziemlich öffentlich sind.
Ich esse auch gerne zuhause, aber da ich unter der Woche in der Regel ständig irgendwie unterwegs bin, ist das meist nur an Samstagen und Sonntagen der Fall.

Der Grund ist ja auch nicht, dass mir das Zeug bei McDonalds, Burger King, Kantinen oder irgendwelchen Wirtshäusern besser schmeckt als das, was mir zuhause vorgesetzt wird.
Und billiger ist es schon mal gleich gar nicht, das ist vollkommen klar.
Aber ich mag es einfach, während ich auf mein Essen warte oder nachdem ich es gierig wie ein Schwein verschlungen habe, meine Umgebung ein bisschen zu beobachten.
Besonders natürlich die Menschen darin.

Dabei bekommt man vieles mit, von einzelnen Gegebenheiten, Absurditäten und Demonstrationen inhumaner Dummheit über ritualisierte Gewohnheiten, wenn man gewisse Personen immer wieder zur selben Zeit am selben Futtertrog vorfindet, bis hin zu Spiegelbildern ganzer Schicksale.

Es gibt da nämlich zum Beispiel eine alte Frau - ich bin nicht gut darin, das Alter von Menschen abzuschätzen, aber ich vermute, sie ist etwa achtzig, so um den Dreh - die man jeden einzelnen Tag der Woche, vom Moment der Öffnung an bis in den späten Nachmittag hinein in einer Filiale von McDonalds im Stadtzentrum sitzen sieht.
Manchmal einfach nur mit abwesendem Blick vor sich hin starrend, manchmal Zeitung lesend, je nach Tageszeit vielleicht mit einem Pappbecher Kaffee, einem anderen Getränk oder einem fein säuberlich zusammengefalteten Packpapier eines Cheeseburgers vor sich auf dem Tisch. Manchmal beobachtet sie auch nachdenklich einige andere Gäste - dann frage ich mich, ob sie am Ende dieselbe Gewohnheit hat wie ich - und manchmal bewegt sie sich so lange einfach überhaupt nicht, dass ich mich unwillkürlich ab und zu frage, ob sie nicht tot ist.
Aber immer ist sie allein.
Natürlich ist es jetzt auch nicht unbedingt sehr fundiert, aus solchen Beobachtungen Vermutungen über das Schicksal einer Person anzustellen, aber ich sehe darin oft das traurige Schicksal nicht weniger alter Menschen reflektiert, die in zunehmender sozialer Isolation und gefühlter Nutzlosigkeit apathisch ihrem Ende entgegenleben.
Von Tag zu Tag.
Dann tut mir diese Frau oft wirklich leid.
Aber wie der Rest der anderen Gäste fresse ich eben meistens doch nur schnell meinen Müll, sitze dann vielleicht noch ein paar Minuten herum und gehe wieder. Wenn nicht, spiele ich zwar tatsächlich ab und zu mit dem Gedanken, sie einfach mal unvermittelt anzusprechen, aber - zugegebenermaßen, ich bin eben wirklich nicht gut darin, auf fremde Menschen zuzugehen und Konversationen zu starten.
Zumal meine Kompetenzen im Smalltalk-bereich, mit dem die Allermeisten so etwas einleiten, tatsächlich erbärmlich sind. Was daran liegen mag, dass mich der übliche Smalltalk auch einen Scheißdreck interessiert.
Liegt vermutlich einfach daran, dass ich im Normalfall eher in meiner eigenen kleinen Welt herumirre und mich durch das gewaltige Chaos in meinem Kopf wühle, statt mich auf soziale Interaktion zu konzentrieren.
Sogar auf Parties. Wo ich meistens der klischeehafte schweigsame Typ bin, der rauchend vor einem Glas Whiskey an der Bar steht und vor sich hinstarrt.
Weshalb ich "normale" Parties, also Massenbesäufnisse, bei denen die Hemmschwelle für jede Art gesellschaftlicher Reglementierung unter dem Erdboden versinkt und es am Ende irgendwann nur noch um sinnlosen Smalltalk zwischen läufigen Freizeitnutten und denkenden Schwänzen auf Beinen geht, der möglichst zum Ficken führen soll, im Regelfall inzwischen auch sehr erfolgreich meide.
Manchmal zieht das Klischee des schweigsamen rauchenden Typs mit dem Whiskeyglas zwar auch einige Menschen an, ob Männlein oder Weiblein, die dieses Klischee faszinierend finden mögen, ich weiß es nicht. Aber ich selbst mache wirklich fast nie aktiv den Versuch, auf andere Menschen zuzugehen.

Aber egal. Ich schweife ab.
Die alte Frau ist jedenfalls eines der interessanteren - und vielleicht euch etwas melancholisch stimmenden - Beispiele, was ich da so beobachte. Wie gesagt, sehr viel häufiger sind alltägliche Absurditäten, Lächerlichkeiten und offen zur Schau gestellte Dummheit.

Oder Ereignisse, die irgendwie alles miteinander kombinieren.
Wie vor Kurzem geschehen, als ich gegen Mittag an einer anderen Filiale des Restaurants zum goldenen M vorübergefahren bin und mir dachte, ich könnte da ja kurz mal Essen fassen.
Wie in vielen anderen Restaurants dieses Franchises war auch dieses in den letzten Jahren scheinbar stark modernisiert worden, um ihm irgendwie eine moderne Ästhetik zu verleihen.
Falls es so was gibt.
Das ging von verspiegelten Wand- und Deckenflächen über einen in Glas eingefassten Kamin mit einem elektrischen Feuer bis hin zu zahlreichen Flachbildschirmen, die in einem endlosen Stakkato Musikvideos, Promi-news und natürlich Werbung auf die Kundschaft abfeuerten.
Andere Sachen wie echte Nachrichten wären ja auch ungünstig, wie die Verantwortlichen sehr richtig realisiert haben. Das interessiert die Leute eben einfach lange nicht so sehr wie dieser Schwachsinn.
Und so wird der Untergang der Esskultur, der soziale Faktor des Mittagessens, das Familienideal eines gemeinsamen Mahls, durch elektronische Geräte ersetzt, die dir alles über die Leute erzählen, die du wahrscheinlich nie im Leben treffen wirst.
Aber, wie schon mal an anderer Stelle erwähnt... das ist man ja inzwischen alles gewohnt.
Der ganz normale Schwachsinn, sozusagen.

Nach kurzer Zeit saß ich dann also auf meiner Kunstlederbank vor meinem Kuntsstofftisch mit dem Kunststofftablet und dem Kunststoffessen darauf.
Und wie ich das eben gerne tue, beobachtete ich nebenbei, was so um mich herum geschah.
Dabei konnte selbst ich irgendwann nicht mehr verhindern, dass meine Aufmerksamkeit sich zeitweise den Bildschirmen zuwandte.
Zumal sie einfach ÜBERALL waren, verfluchte Scheiße.
Und da erfuhr ich dann so nützliche Sachen, wie das im lokalen Kino bald ein Film laufen würde, der tatsächlich "LOL" heißt, dass es in Hollywood rumorte, Nicole Richie würde bald heiraten... und natürlich dass man nicht mal mehr beim Fressen von Werbung verschont wird.

Wieder mal blieb mir da Germany's next Topmodel als herausragendes Negativbeispiel in Erinnerung.
Wir stellen uns folgende Szenerie vor:
Eine modisch gekleidete Frau mit Topfigur, professionell geschminkt und wahrscheinlich zudem digital überarbeitet, sitzt auf einer Bank in einem friedlichen Park und fummelt an ihrem Nintendo DS herum, wobei man ihr ansieht, dass sie fünf Minuten vor Drehbeginn nicht wusste, dass es so etwas überhaupt gibt.

Was sie spielt? "America's Next Topmodel", erhältlich für Wii und DS.

Und wie auf Kommando bricht plötzlich Chaos um sie herum aus. Journalisten, Kameramänner und Fotografen stürmen von allen Seiten ins Bild und umringen sie, Blitzlichtgewitter, Stimmengewirr, das Knipsen von Fotoapparaten. Sie sitzt da mit einem überraschten Gesichtsausdruck, den ich mit zwei Promille noch besser spielen könnte und fängt nach kurzer Zeit an, sich in Pose zu werfen, räkelt sich auf der Bank und spielt ihre Rolle an dieser Stelle zum ersten Mal wirklich überzeugend.
Es folgt der Übergang, das Spiel wird gezeigt und irgendeine verschlafene Praktikantin liest einen Text ab, an den ich mich nicht mehr erinnere, der aber wohl auf "Werde zum Topmodel blahblub sei ein Star wargh!" hinausläuft.

Tja, da sitzt man dann, und vergisst fast, dass man eigentlich zum Essen hier ist.
Man wendet den Blick ab und beobachtet seine Umgebung, vornehmlich bevölkert von Menschen, über die genau die Leute, die diese Werbung erdacht haben, wohl die Nase rümpfen würden; Ungepflegte Unterschichtler, Handwerker mit Schweißgeruch der nicht mehr im ignorierfähigen Rahmen liegt, Menschen, die Klamotten anhaben, die aussehen, als wären sie von der Altkleidersammlung aus Afrika zurücktgeschickt worden.
Und alle tapsen sie durch den modernen Mastbetrieb, sitzen zufrieden grunzend um ihre Plastikfuttertröge herum und stopfen das billige Fressen in sich hinein, dass ihnen vorgeworfen wird, während der Bauer ihnen mit einem Megafon von einer Empore aus zuschreit, immer weiter zu fressen und sich vollzustopfen, weil sie nur schön sind, wenn sie so fett werden, dass sie aus allen Nähten platzen. "Fressen und schlafen, das ist euer Idealzustand, euer Paradies, und wir geben euch alles was ihr braucht in unserem grenzenlosen Altruismus!"
Und im Hinterraum wetzt der Schlächter schon seine Messer.

Nicht weit von mir, ein paar Tische weiter, zwei Weibchen der Gattung Homo sapiens, denen man auf den ersten Blick an ihrer hautengen, glitzernden und blinkenden, pelzigen Bekleidung und dem bröckelnden Putz auf ihren Gesichtern ansieht, dass sie die Beine schon breit machen würden, wenn man mit einem frisch gewaschenen, tiefergelegten Fiat Cinquecento vorführe.
Warum frisch gewaschen?
Weil er dann so krass glänzt.

Jedenfalls erkannte man sofort an dem glasigen Blick, mit dem eine von ihnen den Bildschirm fixierte, während die andere sich genüsslich und auf nicht gerade appetitliche Weise Nahrung zuführte, dass das System funktionierte.
Als sie dann auch noch mit einem Stupser, den ich persönlich als Kinnhaken definieren würde, die Aufmerksamkeit ihrer Freundin forderte, dem Bildschirm zunickte und wohl so etwas sagte wie "Schau mal, geil ey!", musste ich einen Moment überlegen, ob ich jetzt weinen, aufstehen und die ganze Einrichtung zerlegen oder lachen sollte.

Ich entschied mich zu lachen.

Einfach, weil's am angenehmsten ist.

Und man auf lange Sicht nicht überleben wird, wenn man sich für eine der anderen Alternativen entscheidet. So berechtigt sie auch erscheinen mögen.

Und man kann ja zum Beispiel auch darüber lachen - oder sich zumindest, gemein wie man ist, schadenfroh darüber freuen - dass die neue Staffel GNTM Berichten zufolge äußerst schlechte Quoten einfährt.
Vielleicht ist man sogar so optimistisch, zu hoffen, dass dies das Ende dieses Formats bedeuten könnte.

Womit man sich aber am Ende selbst belügen würde.

Denn der nächste Schwachsinn kommt bestimmt.

Dienstag, 26. Januar 2010

Schlagzeilen: Eden wieder da! Neuer hoffnungsloser Versuch

Okay, ich bin wirklich ein faules Arschloch.
Ich will gar nicht versuchen, den exorbitanten Zeitraum, der seit dem letzten Eintrag vergangen ist, zu entschuldigen. Nicht, weil ich das nicht könnte. (Natürlich könnte ich das, ich kann ja sowieso alles.) Vielmehr, weil es wahrscheinlich ohnehin keinen interessiert, da dieser Blog nie wirklich eine feste Lesergemeinschaft hatte.
Womit wir natürlich wieder bei den exorbitanten Zeiträumen sind, die zwischen den Einträgen vergehen.
So kann das auch nicht funktionieren, Eden.
Irgendwo bin ich hier zwischen dem Bestreben, halbwegs sinnvolle, interessante und anspruchsvolle Einträge gestalten, um es nicht zur puren Selbstdarstellung à la "Was habe ich heute zu Mittag gegessen?" verkommen zu lassen, und meiner eigenen Faulheit gescheitert.
Warum das dann diesmal anders sein sollte?
Keine Ahnung, wirklich. Wahrscheinlich ist das ähnlich wie eine der vielen Entschuldigungen und Versprechungen von Süchtigen an Bekannte, dass sie sich bessern werden.
Jedenfalls sitze ich grade hier, höre Beethovens neunte Sinfonie und drücke mir eine Packung tiefgekühltes Fertiggerichtspantschmischgemüse in meinen Nacken, der sich... nun, nicht angenehm anfühlt. Wie allgemein viele Stellen meines Körpers momentan.
Edens Freundin fand es nämlich heute angebracht, ihr Auto und ein Straßenschild vollkommen zu zerlegen. Das findet Eden prinzipiell nicht gut, weil er Straßenschilder, Autos und ja, sogar seine Freundin (!) eigentlich mag, aber noch weniger gefällt es ihm, wenn er währenddessen daneben sitzt.
Naja, wie sich das in einer heterosexuellen Beziehung nach der alten Rollenverteilung eben so gehört, habe natürlich ich als Mann die Auswirkungen des Unfalls sehr viel deutlicher zu spüren bekommen, während sie bis auf ein paar Schrammen unverletzt ist. Und das soll sich dann Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern nennen.
Aber egal, es hätte ja auch anders laufen können. Sehr anders sogar. Wäre das Schild einen halben Meter weiter links gestanden, hättet ihr doch tatsächlich euren heißgeliebten und verehrten Eden verloren! Und das zwei Tage vor dem Release von Mass Effect 2! Die Realität kann tragischer und dramatischer sein als jeder Schnulzenroman.
Keine Ahnung, was das jetzt damit zu tun hat, warum ich hier wieder mal schreibe.
Vielleicht, weil mir langweilig ist.
Vielleicht auch, weil mich verdammt nochmal jemand bemitleiden soll.
Los!

Um den Eintrag also letztendlich zusammenzufassen:
Re.



...übrigens hatte ich heute Steaks zum Mittagessen. Sie waren gut.

Sonntag, 27. Januar 2008

Eden's Odysseen # 1

Es gibt so Tage, da funktioniert einfach gar nichts.
Da beginnen Kriege. Da ereignen sich Terroranschläge. Da verabschiedet sich die halbe Welt mal ganz spontan von ihren zivilisierten Eigenschaften. Oder man tritt einfach nur auf dem Bürgersteig direkt in einen fetten Haufen Hundescheiße.
So Tage halt, wo man sich fragt, ob die Menschheit angesichts ihrer unglaublichen Ignoranz und Dummheit überhaupt noch eine Existenzberechtigung hat.
Oder warum diese verdammten Hunde nicht dreißig Zentimeter weiter links in den Rasen scheißen können.

Gestern war so ein Tag.

Kurz zusammengefasst, ich ging spät nachts aus dem Haus, wanderte in die Dunkelheit, und kam mit einer blutenden Beule am Schädel und einigen sehr schmerzhaften rektalen Verletzungen wieder zurück.
Jaja, ich weiß schon – aber bleibt da, in der Geschichte ist weit weniger homoerotischer Inhalt zu finden als man jetzt vielleicht denken mag.

Deshalb präsentiere ich jetzt, voller Stolz und mit einem unangenehmen Juckreiz um den Schließmuskel herum, den ersten Teil einer neuen Serie, die in Zukunft vermutlich sehr oft Zuwachs bekommt:

Eden's Odysseen # 1:

Es war ein Samstag wie jeder andere. Nämlich ein beschissener.
Irgendwann im Laufe meines Lebens war meine Mutter der Meinung gewesen, dass ich an allen Wochenenden bis zu meiner Volljährigkeit Zeitungen austragen sollte. Um mir etwas Geld dazu zu verdienen. Um zu lernen, was Arbeit heißt. Um Verantwortungsbewusstsein zu erlangen. Die ganzen Schwachsinnsgründe, die einem Erziehungsberechtigten in dieser Hinsicht einfallen können. Denn ich habe samstags ja auch nichts anderes zu tun.
Ich tat es also für das Geld.
Und ich tue es für gewöhnlich nachts. Nicht, weil ich nur schwarz trage, so tue, als würde ich mich mit Satanismus auskennen und jedem, der es nicht hören will, erzähle, dass ich Sonnenlicht hasse. Nein, der Grund ist einfach – nachts trifft man keine Menschen.
Nicht, dass ich Menschen nicht mögen würde. Nein!
Nur gibt es in unserem Kaff nur diese ganz besondere Art von ländlichen Menschen. Rentner, Arbeitslose und noch Schlimmeres – Kinder! – die einen dann immer anschauen. Einen grüßen. Mit einem reden. Unsäglich schlechte Witze machen, über die man dann künstlich lachen muss, nur um möglichst schnell wegzukommen.

Es war also ein Samstag wie jeder andere. Nämlich ein beschissener.

Um zwei Uhr morgens verließ ich mein trautes Heim, leicht bis mittelstark alkoholisiert, wie ich es eigentlich generell etwas oft bin. Gehört in Bayern ja quasi zum guten Ton. Wie immer ging – oder torkelte - ich meine Runden, warf die Prospekte ein, ohne die die Leute anscheinend nicht leben können, denn wenn ich einmal ein Haus vergesse, ist die Hölle los.
Nur gab es ein Problem.
Winter. Kälte. Glatteis. Alkohol. Schlechte Kombinationen.

Außerdem ist es nachts generell nicht sehr angenehm, vor allem, wenn man sich beständig von Rammstein zudröhnen lässt und dann neben stockfinsteren Wäldern vorbeistolpert. Gar nicht auszudenken, was einer so attraktiven, wehrlosen Frau wie mir da zustoßen könnte!
Zudem scheinen die wenigstens Leute damit zu rechnen, dass um zwei Uhr morgens ein betrunkener Jugendlicher die Straßen abklappert und bei ihnen Werbung für Hundefutter mit Hühnchengeschmack einwirft. (Mögen Hunde eigentlich Hühnerfleisch? Davon hab’ ich noch nie gehört.)
Was sie dazu verleitet, die Tore zu ihren Einfahrten zu verschließen und zu verriegeln, einen Stacheldrahtzaun zu ziehen und die Selbstschussanlagen zu aktivieren.

Oder zumindest eins von dreien.

Was den vollkommen betrunkenen Jugendlichen wiederum dazu verleitet, sich mit dem Elan und der anmutigen Grazie eines vollkommen betrunkenen Jugendlichen über ihre Zäune und Tore zu hieven.
Was auf Dauer natürlich nicht gut gehen kann.
Vor allem bei Glatteis.

Denn früher oder später passiert ein Unglück – und wenn man dann bei diesem Unglück von einem scheiß hölzernen Zaunpfosten beinahe anal vergewaltigt wird, hört der Spaß irgendwo einfach auf.
Auch, wenn man vollkommen betrunken ist.

Aber man rafft sich natürlich auf. Man ist immerhin Werbeprospekte-austräger. Eine verdammt harte Sau - die Elite. Der Beste der Besten. Man bringt den Leuten jedes Wochenende ihre wertvollen kleinen Heftchen, bei jedem Wetter, zu jeder Jahreszeit.
Man ist ja schließlich ein Held des Alltags.

Außerdem ist man vollkommen betrunken.

Was man allerdings zu diesem Zeitpunkt nicht weiß, und auch eine Viertelstunde später noch nicht, wenn man die Strecke schon fast durchhat und sich auf den Weg nach Hause machen will, ist etwas sehr Interessantes: Viele Menschen sind selbst im Januar noch zu faul, ihren verfickten Weihnachtsschmuck abzuhängen.
Und wenn man dann um zwei Uhr morgens mit dem Tunnelblick eines vollkommen betrunkenen Jugendlichen nach Hause torkelt, ist das Letzte, was man erwartet, ein fetter Stoffweihnachtsmann, der an einem Balkon über einem hängt und einen mit dem psychopathischsten Blick, zu dem ein Stoffweihnachtsmann überhaupt nur fähig sein kann, anstarrt.
Glaubt mir, damit rechnet man einfach nicht.
Natürlich erschrickt man, man rutscht beinahe aus, fängt sich gerade noch, erkennt den Weihnachtsmann. Man lacht noch recht dreckig über seine eigene Dummheit.
Dann dreht man sich um und rennt gegen einen Laternenpfahl, der da irgenwie vorher noch nicht war.
Und endlich bekommt das Glatteis doch noch seine Chance.
Während man sich noch an die schmerzende Stirn greift, kracht man schon mit dem Hinterkopf auf den Bürgersteig.
Und dann bleibt man erstmal liegen, um diese unglaubliche Szenerie auf den Leser dieses Blogs wirken zu lassen. Ich meine, früher dachte ich immer, so was gäbe es nur in den schlechtesten Cartoons für die dümmsten Kinder. Aber ich schwöre hoch und heilig, man möge mir beide Eier abschneiden und zum Verzehr braten, wenn ich lüge – es war wirklich so. Genau so.

Da lag ich also nun, und tat erstmal das, was jeder in meiner Situation machen würde.
Ich zündete mir eine Zigarette an und blieb liegen, um zu warten, bis die Welt aufhören würde, sich zu drehen.
Was sie nicht tat. Ob das nun am Alkohol lag oder an dem Blut, das wohltuend wärmend in unglaublichen Massen aus meinem Hinterkopf strömte, ich weiß es nicht.
Na gut, eigentlich waren es nur ein paar Tropfen.

Jedenfalls stand ich irgendwann wieder auf.
Ich glaube zumindest, dass ich aufstand, denn als ich wieder aufwachte, war ich zu Hause, mit gleich zwei schmerzhaften Beulen am Schädel und einem unangenehmen Kratzen um den Schließmuskel herum.
Oder vielleicht ist das auch alles nur ein kranker Traum, den mein Unterbewusstsein sich ausgedacht hat, um mich vor der viel grausameren Wahrheit zu schützen.

Jedenfalls ein ganz normaler Samstag. Nämlich ein beschissener.