Posts mit dem Label Artikel werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Artikel werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 1. April 2010

Videospiele als Kunst

Obwohl ich damit den Fokus dieses Blogs zwischenzeitlich sehr stark verschiebe, folgt hiermit ein weiteres Mal ein Eintrag, der keine bitterböse Kritik an der Realität darstellt, sondern sogar zeigt, wie anspruchsvoll und begeisternd Dinge sein können, die man vielleicht voreilig mit dem negativ behafteten Ausdruck „Realitätsflucht“ brandmarken will.

Oha.

Ja.

Immerhin ist ein Blog ja auch eine persönliche Plattform, wo man der Menschheit mit allem auf den Geist gehen kann, was einen gerade so beschäftigt – Dass viele Blogger sich heutzutage genötigt sehen, persönlich die Aufgabe unzensierter, differenzierter Information und Berichterstattung wahrzunehmen, ist dabei natürlich unstrittig ein gewaltiges Armutszeugnis für unsere Medienlandschaft.
Aber ab und zu will ich doch auch einige andere Themen anschneiden.

Das mögen Kurzgeschichten oder andere literarische Ergüsse meiner selbst sein, persönliche Filmrezensionen meiner Lieblingswerke, Buchempfehlungen – oder wie in diesem Fall meine Gedanken zu einem Videospiel oder einer Serie von Spielen.

Nämlich...



Denn, um gleich mein Fazit in einem Satz vorweg zu nehmen: Für mich ist dieses Spiel eines der rar gesäten Beispiele, die den Anspruch von Videospielen auf die Bezeichnung „Kunst“ untermauern.

Deswegen will ich hier auch Dinge wie Grafik, Gameplay, Multiplayer und so fort, über die entsprechende Fachmagazine zur Genüge informieren, ausklammern und mich auf das für diesen Aspekt meiner Meinung nach Wesentliche konzentrieren.
Stil, Atmosphäre, Story.
Eine Warnung vorweg – ja, ich werde spoilern. Von vorne bis hinten, Aspekte der gesamten Story. Da ich mir der Tatsache bewusst bin, dass das Spiel mehrere Enden hat, sei hier auch gesagt – hier wird der „gute“ Weg geschildert, alle Little Sisters wurden gerettet, alle Nebenwidersacher verschont (bis auf Gilbert Alexander, für den der Tod meiner Meinung nach eine Erlösung war, wie er ja auch selbst formulierte).

Nun, ich muss zu Beginn zugeben, ich war mehr als skeptisch.
Als Videospieler, Leser, Filmliebhaber und was auch immer wird man nun einmal viel zu oft mit der Tatsache konfrontiert, dass Fortsetzungen von Meisterwerken in den allermeisten Fällen zwischen einer mittleren Enttäuschung (Indiana Jones 4) und einer gigantischen Katastrophe (s. Darko) schwanken.
Als ich also von der Fortsetzung zu Bioshock hörte – und ich hörte relativ spät davon und habe mich auch bis zum Kauf kaum darüber informiert – habe ich beinahe alles erwartet.
Am wenigsten aber, dass sie ihrem Vorgänger gerecht werden würde.
Oder ihn sogar übertreffen.
Allerdings hat sie genau das. Zumindest in derart vielen Aspekten, dass ich tatsächlich sagen kann, für mich persönlich ist sie insgesamt besser als der erste Teil.

Dass Bioshock verflucht viel Stil hat, dass sei jetzt mal als eine Art unbestreitbare Tatsache hier in den nicht vorhandenen Raum gestellt. Die in Verbindung mit Horrorelementen, Bewohnern, die vollkommen dem Wahnsinn verfallen sind und den allgegenwärtigen Zeichen von Tod, Zerstörung und Verwitterung geradezu grotesk wirkende Kulisse einer Stadt ganz im Art-Déco-Design ist etwas, was unter allen mir bekannten Videospielen einzigartig ist.
Wenn man sich an durchgedreht vor sich hin murmelnde Mütter heranschleicht, die mit dem Revolver sprechen, den sie in ihrem Kinderwagen versteckt haben wie mit ihrem Kind, wenn man im Dunkeln verborgen Bewohnern zuhört, die absurde, irgendwie komische und gleichzeitig verstörende Unterhaltungen führen, wenn man übel zugerichtete Leichen findet, die mit Blut ihre letzten Botschaften auf Wand oder Boden hinterlassen oder mit Diktiergeräten ihre letzten Worte aufgenommen haben, dann setzt sich – in beiden Spielen – wie ein Mosaik nach und nach das Bild einer Stadt zusammen, die als modernes Utopia gedacht war, tief unter dem Meeresspiegel, losgelöst von den makelbehafteten Unrechtsgesellschaften an der Oberfläche, die Freiheit und Wohlstand für alle ermöglichen sollte – und am Ende in einer Spirale aus Gier, Gewalt, Wahnsinn, und dem vollkommenen Mangel irgendeiner moralischen Beschränkung zugrunde ging.
Und das hat nicht nur Stil, das kreiert auch eine unheimlich dichte, fesselnde Atmosphäre, der man sich bis zur letzten Minute kaum entziehen kann.
Eine Atmosphäre, die über den gewöhnlichen Kick des Horrors und das Belohnungssystem in Videospielen (à la „Leg’ alles um, und du erfährst, wie es weitergeht/und dein Charakter wird stärker und besser.“) weit hinausgeht.
Nein, Bioshock konzentriert sich hier extrem auf das menschliche Drama. Einzelschicksale, die durch das Auffinden der überall verstreuten Audiotagebücher nach und nach zusammengesetzt werden und das Bild einer Gesellschaft wie auch der Individuen darin offenbaren, die von idealistischen Träumereien einer Utopie langsam, stückchenweise entrückt werden, an der Realität zerbrechen und in ihrer Kompromisslosigkeit immer tiefer sinken.
Das ist die Faszination, die Bioshock so großartig macht.

Aber kommen wir zum eigentlich Grandiosen, zur Triebfeder des Ganzen und dem Grund, warum dieses Spiel für mich Kunst ist – zur Story.
Für all jene hier, die es selbst nicht gespielt haben – und ich vermute, das werden die meisten sein – und sich nicht erst selbst informieren wollen, bevor sie überhaupt verstehen, was ich sage, hier eine kleine... große Zusammenfassung:

Im Angesicht wiederkehrender Weltkriege und brodelnder Konflikte sowie des empfundenen Unrechts an der Oberfläche entschließt sich ein Mann namens Andrew Ryan, den Versuch zu unternehmen, eine utopische Stadt zu gründen, eine Stadt, die sich nicht nur geistig, sondern auch physisch von allen anderen menschlichen Kulturen distanziert – eine Stadt auf dem Meeresgrund.



„Ich bin Andrew Ryan, und ich möchte Sie eines fragen: Steht einem Menschen nicht das zu, was er sich im Schweiße seines Angesichts erarbeitet?
Nein, sagt der Mann in Washington – Es gehört den Armen.
Nein, sagt der Mann im Vatikan – Es gehört Gott dem Allmächtigen.
Nein, sagt der Mann in Moskau – Es gehört allen.
Ich konnte keine dieser Antworten akzeptieren. Stattdessen entschied ich mich für etwas Anderes.
Für etwas Unmögliches.
Ich entschied mich für… Rapture.
Eine Stadt, in der der Künstler keine Zensur fürchten, der Wissenschaftler sich keiner engstirnigen Moral beugen muss, in der diejenigen, die zu Großem bestimmt sind, nicht durch die kleinen Lichter gebremst werden.
Wenn auch Sie im Schweiße ihres Angesichts für dies kämpfen, kann Rapture auch ihre Stadt werden!“


Und eine Zeit lang schien dieses ambitionierte Projekt trotz aller offensichtlichen Denkfehler („Auch in einem Utopia muss jemand die Toiletten schrubben.“) Früchte zu tragen, die Probleme hielten sich in Grenzen, Rapture florierte, wuchs, wurde reicher.
Bis man in einer bis dato unbekannten Tiefseeschneckenart eine Substanz fand, die alle wissenschaftlichen Standards über den Haufen warf - das sogenannte ADAM.
Ohne jetzt zu genau auf Einzelheiten einzugehen, gab diese Substanz der Wissenschaft sozusagen die Möglichkeit, die menschlichen Gene zu manipulieren, zu „verbessern“. Dinge wie Telekinese, das Verschießen von Feuerbällen, Blitze schleudern, all das wurde plötzlich Realität – dem Bestreben der Wissenschaft waren keine Grenzen gesetzt.
Moralische schon gar nicht.
Wobei das ADAM den genetischen Code der Menschen nur entsprechend umschrieb und ihnen diese Fähigkeiten gab – um sie regelmäßig einzusetzen, wurde eine zweite Substanz benötigt, die den gewaltigen Energiebedarf deckte – EVE (die biblische Symbolik sticht ins Auge).
Wiederum ein hervorragendes Abhängigkeitspotenzial für eine Wirtschaft, die sich keinerlei ethischen Begrenzungen zu unterwerfen hat.


Dieses Verändern des Gen-Codes und das Einsetzen dieser Fähigkeiten, das sogenannte Splicen, wurde in Rapture nach und nach zur Normalität, angetrieben von einer Wirtschafts- maschinerie, die die Bewohner mit geradezu zynisch wirkender Werbung bombardierte.
Dass regelmäßiges, übertriebenes Splicen – wie es sich ein gewaltiger Bevölkerungsteil Raptures angewöhnte - so wunderschöne Konsequenzen wie Abhängigkeit, mentale Instabilität, körperliche Missbildungen und Tod haben kann, erkannte man wieder einmal zu spät.
Und selbst dann bereitete das den Verantwortlichen nicht gerade schlaflose Nächte.
Das kommt einem bis zu diesem Punkt schon äußerst bekannt vor.
Auf mich wirkt das durchaus wie eine wenig verhohlene Kritik an realen Zuständen, nur eben in einer fiktiven Stadt bis zur letzten Konsequenz fortgeführt.

Als die Öffentlichkeit dann nämlich langsam zu spüren begann, dass die ADAM-produktion, die ja vom Vorkommen der alles auslösenden Schneckenart abhängig war, nicht mehr mit der immensen Nachfrage mithalten konnte, beschleunigte sich der tiefe Fall der selbstvergessenen Gesellschaft Raptures zusehends.
Die großen Köpfe der Stadt, in deren Händen alle Fäden zusammenliefen, isolierten sich, stellten sich gegeneinander, verfolgten immer mehr ihre eigenen, egoistischen, idealistischen oder machtgierigen Ziele und hetzten die gesamte Bevölkerung gegeneinander auf, bis Rapture im Verlauf eines Quasi-Bürgerkrieges den Zustand annahm, mit dem man als Spieler letztendlich konfrontiert wird.
Und an dieser Stelle kommt etwas ins Spiel, das einen zentralen Aspekt der Thematik von Bioshock 1 und 2 bildet und zugleich die ultimative Perversion von wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Interessen darstellt, denen keinerlei ethische Grenzen mehr bewusst sind.



Little Sisters und Big Daddies.

Little Sisters sind zunächst einmal kleine Mädchen. Zumindest optisch. Irgendwie.
Genauer gesagt sind sie das Werkzeug der Wirtschaftselite, um die ADAM-produktion in einer vom Krieg verwüsteten Stadt wenigstens notdürftig am Laufen zu halten. Man arbeitet zusammen mit Waisenhäusern, holt sich von dort kleine Mädchen und befähigt sie, ADAM zu ernten, indem man ihnen die besagten Schnecken in die Magenschleimhaut transplantiert. Dann drückt man ihnen gewissermaßen Spritzen in die Hand, unterzieht sie einer Gehirnwäsche zur Verhaltensmodifikation und prägt ihnen ein, dass alle braven kleinen Mädchen ADAM sammeln, von der einzigen Quelle, die in Rapture niemals zu versiegen scheint.

Aus den Leichen von Splicern.

Warum übrigens nur Mädchen, kann man sich an dieser Stelle fragen. Nun, aufgrund ganz simpler wirtschaftlicher Überlegungen.
Man braucht in den Wissenschaftseinrichtungen und Unterkünften keine getrennten Toiletten für zwei Geschlechter.

Also machen sie sich mit kindlicher Freude daran, frischen Leichen mit ihren überdimensionierten Spritzen das Blut auszusagen und es zu trinken, damit die Schnecken in ihrer Magenschleimhaut das ADAM herausfiltern können.
Und als wäre das alles zusammengenommen noch nicht makaber genug, scheinen die lebenden Splicer in der Umgebung es instinktiv wahrzunehmen, wenn eine Little Sister in der Nähe ist und sich an die Ernte macht.
Und Little Sisters bedeuten in jedem Fall eine anständige Ausbeute an ADAM für jeden, der sie in die Finger bekommt.
Um dem entgegenzuwirken, braucht man also einen Beschützer, der in der Lage ist, alles auszulöschen, was den Sisters zu nahe kommt. Hier kommen damit die Big Daddies ins Spiel, schwer gepanzerte, genetisch modifizierte Monstren in gigantischen Taucheranzügen, wandelnde Tötungsmaschinen, deren einziger Zweck es ist, die Little Sisters zu beschützen.
Und genau das ist ein Sinnbild für die geniale, makabere Widersprüchlichkeit, die Bioshock auszeichnet.



Wer einmal dieses ungleiche Paar durch die zerstörte Kulisse Raptures wandern sah, wird wissen, was ich meine. Aneinandergebunden durch diverse Verhaltensmodifikationen entfaltet sich zwischen beiden eine geradezu groteske Verbindung. Der Big Daddy wird handzahm im Umgang mit der Little Sister, alles um ihn herum ist ihm egal, solange nur niemand dem kleinen Mädchen zu nahe kommt. Dieses wiederum sieht in dem riesigen Monster eine Vaterfigur, es nennt ihn „Mr. Bubbles“, spielt sogar mit kleinen Big Daddy-puppen.
Und wenn man einen Big Daddy erlegt, steht es minutenlang bei seiner Leiche und weint.

Warum man das tun sollte?

Weil einen das Spiel genau wie die ganzen Splicer, gegen die man sich zur Wehr setzen muss, vor eine bizarre Wahl stellt.
Man braucht das ADAM und die daraus resultierenden Fähigkeiten, wenn man in dieser Stadt überleben will.
Ja, jetzt sehen vermutlich auch diejenigen, die das Spiel nicht kennen, auf welches moralische Dilemma das hier hinausläuft.
Man könnte die Sisters, mit dem Begriff, den das Spiel benutzt, „abernten“. Dabei entfernt man gewissermaßen so schnell wie möglich die Schnecken aus der Magenschleimhaut und maximiert die ADAM-Ausbeute. Der „Wirt“ überlebt diesen Prozess nicht.
Tenenbaum, eine Wissenschaftlerin, die ihre maßgebliche Beteiligung an der Erschaffung der Little Sisters inzwischen bereut, eröffnet dem Spieler noch eine zweite Alternative; Sie hat eine Möglichkeit erarbeitet, die Schnecken schonender zu entfernen und die Sisters in „normale Mädchen“ zurückzuverwandeln.
Allerdings ist die ADAM-Ausbeute durch diesen Vorgang bedeutend geringer als bei der anderen Alternative.
Vielleicht zu wenig für den Spieler, um die Odyssee durch Rapture zu überleben.



Kritiker, vor allem vermutlich jene, die Videospieler regelmäßig mit dem Begriff „Killerspiele“ niederkloppen, würden hier natürlich anmerken, dass Bioshock damit auf eine barbarische Art und Weise etwas zutiefst Verachtenswertes noch belohnt – Wer die Sisters aberntet, der bekommt mehr ADAM und maximiert seine eigene Chance, zu überleben.
Soweit klar.
Ich allerdings sehe darin viel mehr eine moralische Prinzipienfrage, die in einem der Trailer angesprochen wird und mit der man im alltäglichen Leben, sehr oft im Kleinen, manchmal auch in größeren Maßstäben konfrontiert wird;
Ist man bereit, das ethisch Richtige zu tun, wenn es mit massiven Nachteilen für sich selbst verbunden ist? Und in diesem Kontext bis zur letzten Konsequenz getrieben: Hält man auch dann noch an moralischen Idealen fest, wenn das eigene Überleben auf dem Spiel steht?

Du oder sie?

Natürlich ist nüchtern betrachtet klar – deine Entscheidungen haben keinerlei Konsequenz außer die, die du auf dem Bildschirm präsentiert bekommst. Du tötest eine Ansammlung von Pixeln oder verschonst sie, und je nachdem änderst du den Verlauf einer frei erdachten Erzählung und bekommst am Ende die eine oder die andere Videosequenz zu sehen.
Aber abgesehen von einer Inszenierung, die unter die Haut geht, liegt eine große Stärke von Bioshock darin, das gewaltige Potenzial, das in der Natur von Videospielen liegt, auszuschöpfen: Die persönliche Involvierung des Spielers. Anders als bei Büchern und Filmen ist man nicht nur ein Beobachter, man nimmt teil, man gestaltet die Geschichte mit, man ist (bei guten Spielen) viel näher am Geschehen, hat eine viel größere emotionale Bindung an das, was passiert.
Und in diesem Aspekt brilliert Bioshock.
So sehr, dass ich bis heute in beiden Spielen zusammen erst eine Little Sister abgeerntet habe.
Weil ich aus Versehen den falschen Knopf gedrückt habe.
Danach habe ich neu geladen und in Kauf genommen, die halbe Stunde seit dem letzten Speichern noch einmal zu spielen.

Und um ENDLICH den Bogen zur Einleitung zurückzuschlagen – in dieser Beziehung übertrumpft der zweite Teil den Erstling noch einmal haushoch.
Denn im ursprünglichen Bioshock schien man am Anfang nur ein vom Pech verfolgter Gestrandeter zu sein, der die Stadt in einem (zu) gewaltigen Zufall fand. Man war ein Außenstehender, die Vergangenheit wurde kaum beleuchtet, die Beweggründe beschränkten sich quasi auf den Wunsch, die Scheiße, in der man gelandet ist, zu überleben.
Der gewaltige Twist, der das letzte Drittel des Spiels einleitet, der dem Spieler offenbart, wer er ist und was es mit seiner Vergangenheit auf sich hat, der haut einen um, keine Frage.
Aber bis dahin ist die emotionale, die persönliche Bindung des Spielers zum Protagonisten im Vergleich zum zweiten Teil geradezu belanglos.

Denn in Bioshock 2 ist man nicht nur irgendein unglücklich Gestrandeter in diesem wahnsinnigen Chaos – man ist selbst ein Big Daddy.
Und mit dieser simplen Tatsache treibt die Fortsetzung das ganze makabere Spiel der Gier nach ADAM und der Beziehung Sister – Daddy auf die vorläufige Spitze.
Wieder braucht man das ADAM, um zu überleben, wieder steht man vor der Wahl, wie man mit den Mädchen verfahren will, doch diesmal ist man nicht nur ein Außenstehender, der den freundlichen Mr. Bubbles erledigt und sich die Little Sister schnappt – man ist der freundliche Mr. Bubbles.
Die Mädchen behandeln den Spieler wie ihren eigenen Vater, man trägt sie auf seiner Schulter durch die zerstörte Stadt, man beteiligt sich sogar an der makaberen Suche nach ADAM und beschützt sie vor Horden anstürmender Splicer, während sie neben frischen Leichen knien und sie abernten.
Und am Ende hat man die Wahl, wie man sie von diesem Schicksal erlöst.

Aber nicht nur hier übertrumpft der Zweier seinen Vorgänger.
Auch der gesamte Kampf das Protagonisten mit seiner Widersacherin findet auf einer viel persönlicheren Ebene statt und offenbart im Lauf der Geschichte eine außergewöhnliche Tragik.

Besonders hier war ich skeptisch.

Ich konnte mir nur schwer vorstellen, dass geniale Antagonisten wie der visionäre Idealist Andrew Ryan oder der manipulative Industrielle Frank Fontaine in all seiner Menschenverachtung noch übertroffen werden könnten.
Aber die begnadete Psychologin Doktor Sofia Lamb hasst man nicht nur vom Intro des Spiels an noch inbrünstiger als die beiden anderen zusammen, nein, zwischenzeitlich fällt es – zumindest mir persönlich – sogar viel schwerer, die Denkfehler und –Sackgassen in ihrer Sichtweise zu enttarnen.
Und nicht zuletzt hat man am Ende irgendwie Mitleid mit ihr.



Dreh- und Angelpunkt der ganzen Geschichte ist die Little Sister Eleanor, das Mädchen, auf das man selbst als Big Daddy im Rahmen der „Paarbindung“, wie es die Wissenschaftler Raptures nennen, geprägt wurde. In gewisser Weise also die Tochter des Spielers, wie bizarr die Hintergründe dafür auch sein mögen.
Aber auch die Tochter von Sofia Lamb, die ihr in den ganzen Wirren und dem Chaos des Niedergangs von Rapture genommen und zu einer Little Sister gemacht wurde.
Genau so, wie sie sich Elanor im Intro zurückholt und sie dem Spieler wegnimmt.
Diese Konstellation birgt nicht nur eine gewaltige Tragik und ein emotionales Potenzial in sich, dass den Spieler über die ganze Handlung hinweg antreibt, sie behandelt im Verlauf auch Themen wie „Besitzansprüche“ der Eltern und deren verfehlte Erwartungen an ihre Kinder als etwas, das einen Zweck zu erfüllen hat, die persönliche Freiheit Eleanors genau so wie die Freiheit und die Ansprüche des Einzelnen gegenüber dem Ideal des Allgemeinwohls und eine ganze Menge mehr Aspekte und Facetten.
Und erst nach und nach kristallisiert sich heraus, warum Sofia Lamb sich in gewisser Weise selbst das Recht auf ihre Tochter nimmt und weshalb der Spieler sie aufhalten muss. Er braucht sie nicht nur selbst, psychisch wie physisch (Randnotiz: Im Rahmen der Paarbindung sterben Big Daddies, die sich zu lange zu weit von ihrer Little Sister entfernen und haben damit auch noch einen ganz logischen Grund, sie zu beschützen - Wenn ihr Herz zu schlagen aufhört, tut es deines genau so.), er muss auch erkennen, wie sehr sich Dr. Lamb in ihrem grenzenlosen Idealismus von der Position einer liebenden Mutter entfernt.
Nicht nur, indem sie Eleanor ihren "Vater" nimmt, sondern auch indem sie versucht, mit ihrer Existenz einem ganz persönlichen Zweck zu dienen, aus ihr eine "Utopistin" zu machen, wie sie es formuliert, einen Menschen, der sein Leben ganz und gar dem Allgemeinwohl verschreibt und das Selbst, das eigene Ich in jeder Beziehung unterordnet – sie will diesen Teil am Ende sogar komplett auslöschen mithilfe von Indoktrination, genetischer Modifikation und dem Einfluss von ADAM. Als Little Sister soll Eleanor diese Substanz in nie dagewesenen Mengen aufnehmen, denn ADAM, das aus Leichen gewonnen wird, birgt nicht nur die Macht der offensichtlichen Umwandlungen, es ist quasi auch wie ein Schwamm, der die Fähigkeiten, die Erinnerungen, den Geist jedes vergangenen Trägers in sich aufsaugt. Eleanor würde damit geistige und körperliche Fähigkeiten gewinnen, die die jedes Menschen vor ihr übersteigen, sie wäre Ärztin, Ingenieurin, Architektin, Wissenschaftlerin, Arbeiterin, in jedem Gebiet eine nie dagewesene Koryphäe – und mitsamt der Gehirnwäsche und genetischen Modifikation darauf ausgerichtet, in all ihrem Streben und Tun immer dem Allgemeinwohl zu dienen.
Ganz davon abgesehen, wie idealistisch ein solches Ziel ist, ist es Dr. Lamb am Ende immer gleichgültiger, ob sie damit einen natürlichen Teil von Eleanor als Mensch und Individuum künstlich auslöscht, oder ob ihre Tochter das überhaupt will.

Und hier zeigt sich im Verlauf immer mehr der gewaltige Denkfehler ihres Standpunkts, wenn Eleanor trotz aller Maßnahmen beginnt, sich von ihrer Mutter zu distanzieren, sich zu wehren und sich immer mehr zu jener Vaterfigur hingezogen fühlt, die dort draußen in Rapture, außerhalb der massiven Verteidigungslinien und des sicheren Refugiums von Sofia Lamb, um ihr Überleben kämpft, alles abwehrt und jede Hürde bewältigt, die die verblendete Idealistin ihr in den Weg stellt, um irgendwie ihre Tochter zu finden.
Weil diese Vaterfigur, obwohl sie durch die Paarbindung einen ganz nüchternen, logischen Grund hat, Eleanor in ihrer Nähe zu behalten, am Ende nichts anderes will als die gefühlte Tochter aus dieser Hölle zu befreien. Irgendwie ist damit die künstliche Beziehung zwischen Little Sister und Big Daddy liebevoller und ehrlicher als ihr natürliches Pendant, das zu idealistischen Zwecken missbraucht wird.
Und obwohl sie von ihrer Mutter massiv überwacht und kontrolliert wird, findet sie Wege, dem Spieler Hinweise zu geben, wie es weitergeht, ihm Unterstützung zukommen zu lassen, und ihn immer wieder zu bitten, sich zu beeilen.

Nicht nur das, wenn man sie schlussendlich befreit und sogar die Möglichkeit bekommt, die inzwischen fast erwachsene Tochter in brenzligen Situationen zu Hilfe zu rufen und Rücken an Rücken mit ihr zu kämpfen gegen die Widrigkeiten, die eine zusehends verbitterte Mutter schlussendlich BEIDEN entgegen wirft, kommt auch die Tragweite der eigenen moralischen Entscheidungen während des Spiels zutage.
So wird Eleanor sich den Little Sisters gegenüber genau so verhalten wie ihr Vater, sie wird entweder alles tun, um ihnen zu helfen, oder sie wird sie wie Bauernopfer dem eigenen Zweck unterwerfen.
(Wo man auch einen netten Seitenhieb auf das sehen mag, was man als Vorbildfunktion der Eltern bezeichnen könnte - ein weiterer Aspekt, der durchaus als Kritik an realen Zuständen interpretierbar ist.)



Und im zweiten Teil sind das nicht die einzigen moralischen Entscheidungen, die man zu treffen hat.
Mehrere Male steht man auch direkt vor der Wahl, jene Widersacher, Handlanger Lambs, die einem das Leben vorher stundenlang zur Hölle gemacht haben, entweder endlich aus dem Weg zu räumen oder sie zu verschonen und ihnen zu zeigen, dass man nicht das kaltblütige, seelenlose Monster ist, vor dem die Doktorin unter ihren fanatischen, fast an eine Sekte erinnernden Anhängern Angst verbreitet.
So trifft man zum Beispiel auf Grace Holloway, Eleanors „Tante“, die das Mädchen aufgenommen hat, als ihre Mutter im politischen Chaos Raptures von Andrew Ryan in eines der überbelegten Gefängnisse für unerwünschte Individuen gesteckt wurde.
Am Anfang ist sie Lamb geradezu fanatisch hörig, glaubt ihr bedingungslos, dass der Spieler nur ein unnatürliches, gefühlloses Monster ist, das sie alle erledigen will. Erst, als man alle Hindernisse überwunden hat, um bis in den Raum zu gelangen, wo sie sich zurückgezogen hat und einen Gegenstand zu bekommen, den man für den Spielfortschritt benötigt, bekommt man die Gelegenheit, ihr das Gegenteil zu beweisen.
Die alte Frau ergibt sich in ihr Schicksal, sie sieht, dass nichts, was sie tut, den Big Daddy aufhalten kann – Sie öffnet dem Spieler am Ende selbst die Tür und stellt sich in die Ecke, fordert ihn quasi auf, zu tun, was ihrer Meinung nach seiner Natur entspricht.
Man nimmt den benötigten Gegenstand, und steht ihr gegenüber, die Waffe im Anschlag.
Ich persönlich verließ nach einigen Sekunden den Raum wieder, ohne abgedrückt zu haben.
Denn genau wie ich im Spiel keine kleinen Kinder töten will, will ich keine wehrlose alte Frau erschießen.
Und auch diese Entscheidung wird belohnt. Denn Grace sieht sich dadurch gezwungen, ihren Standpunkt neu zu überdenken – und fortan hat man eine Verbündete mehr, die einem ab und zu kleinen Hilfspakete zukommen lässt.

Später steht man nach ähnlich erbittertem Kampf Stanley Poole gegenüber, dem Mann, der Eleanor in ein Waisenhaus gesteckt und damit entscheidend dazu beigetragen hat, sie zur Little Sister zu machen, dem Mann, der auch den Spieler selbst vor Jahren verraten und ihn bei Andrew Ryan als Spion denunziert hat, woraufhin er als politischer Häftling für das "Protektorenprojekt" missbraucht und schlussendlich zum Big Daddy gemacht wurde.
Wieder steht man einem Widersacher gegenüber, der einem stundenlang Kopfzerbrechen bereitet hat. Anders als bei Grace, die sich ihrem Schicksal entschlossen stellt, erkennt man, was für ein Wrack der Mann geworden ist, der einst Stanley Poole war.
Zerfressen von Selbstzweifeln, Schuld und Angst kauert er vor dem Spieler, und dieser hat wieder die Wahl.
Und wieder verließ ich den Raum, ohne abzudrücken.

Anders sieht es da schon bei Gilbert Alexander aus, einem der ehemals führenden Wissenschaftler Raptures, der nicht nur persönlich an der Entwicklung der ersten Big Daddies beteiligt war, sondern sich selbst noch dazu einem Projekt unterzog, das der Vorläufer für das sein sollte, was Dr. Lamb später für Eleanor plante.
Er ließ sich mit ADAM vollpumpen, um die Erinnerungen und Fähigkeiten ganz Raptures in sich aufzunehmen, und Stück für Stück wurde aus dem durchaus nicht unsympathischen Mann, der Eleanor zu Beginn noch helfen wollte, eine gewaltige, deformierte Abscheulichkeit in einem riesigen Zuchttank, die dem Wahnsinn verfiel.
Während man sich durch die Überreste seiner Forschungseinrichtungen kämpft und von seinem momentanen Ich mit Hindernissen überhäuft wird, findet man nach und nach Aufzeichnungen des Mannes, der Gilbert Alexander – das Wesen, das sich jetzt selbst Alexander der Große nennt – einmal gewesen ist, und in denen er dem Spieler offenbart, was er aus sich selbst machen ließ und ihn letztlich auffordert, ihn von diesem Schicksal zu erlösen.
Hier wiederum entschied ich anders, als ich vor der Steuerkonsole des Tanks stand, der das enthielt, was von Gilbert Alexander übrig geblieben war.
Ich entschied mich, der Bitte seines alten Ich nachzukommen, bevor ich den Raum verließ.
Die schwierigste moralische Entscheidung des Spiels, für mich persönlich.

Überrascht wiederum war ich von der Entwicklung von Augustus Sinclair, einem Mann, der zur Zeit, als Andrew Ryan noch über Rapture herrschte, für die Planung und Durchführung der politischen Haft unangenehmer Individuen verantwortlich war.
Sinclair wiederum ist eine Person, mit der man das ganze Spiel über ein Zweckbündnis unterhält, denn auch er will Lamb aufhalten. Und obwohl er mir von Anfang an irgendwie heuchlerisch und schmierig vorkam, hilft er dem Spieler fortwährend, führt ihn mit hilfreichen Hinweisen und Erklärungen per Funk durch die Stadt, und irgendwie entsteht im Verlauf durchaus eine…ich will es nicht Freundschaft nennen, aber eine Sympathie, die über das bloße Zweckbündnis hinausgeht.
Trotzdem ließ ich mich von zahlreichen Andeutungen Lambs verunsichern, in denen sie mich süffisant aufforderte, mir doch die Frage zu stellen, was Sinclairs Beweggründe sein mochten.
Zumal man den Verrat von Verbündeten aus dem ersten Teil noch allzu genau in Erinnerung hat.
Doch es stellte sich heraus, dass Bioshock hier mit genau diesen Erwartungen des Spielers jongliert. Denn als Sinclair Lambs Häschern in die Hände fällt, – bei dem Versuch, dem Spieler, der zu diesem Zeitpunkt gefangen ist, zu helfen - wird er gegen seinen Willen ebenfalls zu einem Big Daddy umgestaltet und darauf gepolt, seinen ehemaligen Partner aufzuhalten.
Selbst zu diesem Zeitpunkt kämpft er noch gegen die Indoktrination an und schanzt einem Hinweise zu, wie man an den Verteidigungslinien vorbei kommen und ihn letztlich ausschalten könnte.
Hier hoffte ich bis zuletzt, dass man auch bei Sinclair auf irgendeine Weise die Wahl haben würde, ihn zu töten oder zu retten.
Doch an dieser Stelle ist Bioshock 2 erbarmungslos. Es gibt keinen Weg, das Schicksal eines Big Daddies rückgängig zu machen. Genau hier, wo man es sich als Spieler am allermeisten wünschen würde, hat man keine Wahl.
Sinclair muss sterben – und auch die Tatsache, dass er das selbst sieht, dass er einen dazu auffordert und einem am Ende dankbar ist, macht es nur sehr bedingt besser.

Und trotz allem, trotz der Dinge, die sie einem antut, in den letzten Spielstunden, als Eleanor frei ist und zusammen mit dem Spieler gegen Sofia Lamb vorgeht, damit sie mit ihrem Vater und allen geretteten Little Sisters schlussendlich aus Rapture entkommen kann, hat man irgendwie Mitleid mit dieser Frau.
Nicht nur, weil sie sich selbst genau so wie alle anderen zum Opfer ihrer Ideale gemacht hat, sondern auch, weil in den Funknachrichten, durch die sie mit dem Spieler kommuniziert, gegen Ende hin immer mehr das Leid und die Verbitterung einer Mutter dargestellt wird, deren eigene Tochter sich in letzter Konsequenz gegen sie stellt und mit dem verbündet, den sie mit allen Mitteln von ihr fernhalten wollte – und das obwohl sie nie einen persönlichen Groll gegen den Spieler hegte, obwohl sie sah, dass auch er durch seine Umwandlung zum Big Daddy in gewisser Weise nur ein Opfer all dieser Perversion Raptures ist.
Aber er musste Eleanor fernbleiben. Er musste sterben. Für das große Ideal „Allgemeinwohl“.
Was sowohl er als auch Eleanor davon halten, ist angesichts der überwältigenden Wichtigkeit dieses Strebens in letzter Instanz unwichtig.
Und nachdem ich also die finale Videosequenz – das „gute“ Ende – von Bioshock 2 an mir vorüberziehen ließ, muss ich sagen, allein die Tatsache, dass ich froh war, dass Eleanor im entscheidenden Moment trotz allem ihre Mutter rettet und diese facettenreiche, menschliche Antagonistin überlebt, obwohl man sie anfangs so inbrünstig hasst, das allein macht Bioshock 2 schon großartig.



Und es ist nicht zuletzt philosophisch und moralisch gesehen eine gewaltige Aussage, die dahinter steckt.
Denn Eleanor genau so wie der Spieler setzten sich – ich spreche hier wiederum natürlich ausschließlich vom „guten“ Spielverlauf, da ich die anderen schlicht und ergreifend bis jetzt gar nicht kenne – während der gesamten Geschichte genau so für das Allgemeinwohl ein, wie Lamb selbst das immer propagiert hat.
Der Knackpunk ist jedoch, sie taten es freiwillig. Aus eigenem Entschluss, ohne dass man ihr Selbstbewusstsein, ihr Ego, ihr individuelles „Ich“ dafür künstlich unterdrücken oder auslöschen hätte müssen.
Menschen KÖNNEN so sein. Von sich heraus. Mit den Anlagen, die ihnen von der Natur gegeben sind, ohne dass man irgendwie an ihnen herummodeln und etwas davon künstlich auslöschen muss.
Denn man kann sie von solchen Idealen überzeugen, ohne ihnen ihren freien Willen zu nehmen. Vielleicht nicht alle, vielleicht nicht einmal die meisten, aber manchmal reichen schon einige wenige, um den Unterschied zu machen.
Und weil sie es freiwillig tun, weil sie davon überzeugt sind, sind sie ungleich wertvoller als alles, was man künstlich aus einem Menschen machen könnte.
Allein schon, weil man mit solchen Maßnahmen schlicht und ergreifend zu weit geht.
Nicht selten wird man bei großen, wichtigen Fragen vor der Entscheidung stehen, dass einige wenige sich zum Wohle einer viel größeren Menge opfern müssen. Der idealistische Anspruch, dem Wohle ALLER zu dienen, lässt sich mit den Konflikten der Realität beinahe nie vereinbaren.
Aber das darf nie etwas sein, das man willentlich und mit voller Absicht in Kauf nimmt.
Und am Ende ist man auch selbst, als Einzelner, Teil dieser Allgemeinheit, deren Wohl man sich zum Ziel gemacht hat. Das außer Acht zu lassen führt viel zu oft zu einem aufopfernden Verhalten, das beinahe autodestruktive Formen erreicht.

Und damit bin ich am Ende dieses zugegebenermaßen ewig langen Eintrags doch bei einer gewissen Aussage angekommen, die über die bloße Rezension eines Videospiels hinausgeht.

Und habe zudem hoffentlich anschaulich erklärt, warum Werke wie Bioshock in meinen Augen einen Anspruch auf die Bezeichnung „Kunst“ haben.

Freitag, 19. März 2010

Der moderne Mastbetrieb: Fast Food und Dauerbeschallung

Ich esse ja allgemein sehr gerne an Plätzen, die ziemlich öffentlich sind.
Ich esse auch gerne zuhause, aber da ich unter der Woche in der Regel ständig irgendwie unterwegs bin, ist das meist nur an Samstagen und Sonntagen der Fall.

Der Grund ist ja auch nicht, dass mir das Zeug bei McDonalds, Burger King, Kantinen oder irgendwelchen Wirtshäusern besser schmeckt als das, was mir zuhause vorgesetzt wird.
Und billiger ist es schon mal gleich gar nicht, das ist vollkommen klar.
Aber ich mag es einfach, während ich auf mein Essen warte oder nachdem ich es gierig wie ein Schwein verschlungen habe, meine Umgebung ein bisschen zu beobachten.
Besonders natürlich die Menschen darin.

Dabei bekommt man vieles mit, von einzelnen Gegebenheiten, Absurditäten und Demonstrationen inhumaner Dummheit über ritualisierte Gewohnheiten, wenn man gewisse Personen immer wieder zur selben Zeit am selben Futtertrog vorfindet, bis hin zu Spiegelbildern ganzer Schicksale.

Es gibt da nämlich zum Beispiel eine alte Frau - ich bin nicht gut darin, das Alter von Menschen abzuschätzen, aber ich vermute, sie ist etwa achtzig, so um den Dreh - die man jeden einzelnen Tag der Woche, vom Moment der Öffnung an bis in den späten Nachmittag hinein in einer Filiale von McDonalds im Stadtzentrum sitzen sieht.
Manchmal einfach nur mit abwesendem Blick vor sich hin starrend, manchmal Zeitung lesend, je nach Tageszeit vielleicht mit einem Pappbecher Kaffee, einem anderen Getränk oder einem fein säuberlich zusammengefalteten Packpapier eines Cheeseburgers vor sich auf dem Tisch. Manchmal beobachtet sie auch nachdenklich einige andere Gäste - dann frage ich mich, ob sie am Ende dieselbe Gewohnheit hat wie ich - und manchmal bewegt sie sich so lange einfach überhaupt nicht, dass ich mich unwillkürlich ab und zu frage, ob sie nicht tot ist.
Aber immer ist sie allein.
Natürlich ist es jetzt auch nicht unbedingt sehr fundiert, aus solchen Beobachtungen Vermutungen über das Schicksal einer Person anzustellen, aber ich sehe darin oft das traurige Schicksal nicht weniger alter Menschen reflektiert, die in zunehmender sozialer Isolation und gefühlter Nutzlosigkeit apathisch ihrem Ende entgegenleben.
Von Tag zu Tag.
Dann tut mir diese Frau oft wirklich leid.
Aber wie der Rest der anderen Gäste fresse ich eben meistens doch nur schnell meinen Müll, sitze dann vielleicht noch ein paar Minuten herum und gehe wieder. Wenn nicht, spiele ich zwar tatsächlich ab und zu mit dem Gedanken, sie einfach mal unvermittelt anzusprechen, aber - zugegebenermaßen, ich bin eben wirklich nicht gut darin, auf fremde Menschen zuzugehen und Konversationen zu starten.
Zumal meine Kompetenzen im Smalltalk-bereich, mit dem die Allermeisten so etwas einleiten, tatsächlich erbärmlich sind. Was daran liegen mag, dass mich der übliche Smalltalk auch einen Scheißdreck interessiert.
Liegt vermutlich einfach daran, dass ich im Normalfall eher in meiner eigenen kleinen Welt herumirre und mich durch das gewaltige Chaos in meinem Kopf wühle, statt mich auf soziale Interaktion zu konzentrieren.
Sogar auf Parties. Wo ich meistens der klischeehafte schweigsame Typ bin, der rauchend vor einem Glas Whiskey an der Bar steht und vor sich hinstarrt.
Weshalb ich "normale" Parties, also Massenbesäufnisse, bei denen die Hemmschwelle für jede Art gesellschaftlicher Reglementierung unter dem Erdboden versinkt und es am Ende irgendwann nur noch um sinnlosen Smalltalk zwischen läufigen Freizeitnutten und denkenden Schwänzen auf Beinen geht, der möglichst zum Ficken führen soll, im Regelfall inzwischen auch sehr erfolgreich meide.
Manchmal zieht das Klischee des schweigsamen rauchenden Typs mit dem Whiskeyglas zwar auch einige Menschen an, ob Männlein oder Weiblein, die dieses Klischee faszinierend finden mögen, ich weiß es nicht. Aber ich selbst mache wirklich fast nie aktiv den Versuch, auf andere Menschen zuzugehen.

Aber egal. Ich schweife ab.
Die alte Frau ist jedenfalls eines der interessanteren - und vielleicht euch etwas melancholisch stimmenden - Beispiele, was ich da so beobachte. Wie gesagt, sehr viel häufiger sind alltägliche Absurditäten, Lächerlichkeiten und offen zur Schau gestellte Dummheit.

Oder Ereignisse, die irgendwie alles miteinander kombinieren.
Wie vor Kurzem geschehen, als ich gegen Mittag an einer anderen Filiale des Restaurants zum goldenen M vorübergefahren bin und mir dachte, ich könnte da ja kurz mal Essen fassen.
Wie in vielen anderen Restaurants dieses Franchises war auch dieses in den letzten Jahren scheinbar stark modernisiert worden, um ihm irgendwie eine moderne Ästhetik zu verleihen.
Falls es so was gibt.
Das ging von verspiegelten Wand- und Deckenflächen über einen in Glas eingefassten Kamin mit einem elektrischen Feuer bis hin zu zahlreichen Flachbildschirmen, die in einem endlosen Stakkato Musikvideos, Promi-news und natürlich Werbung auf die Kundschaft abfeuerten.
Andere Sachen wie echte Nachrichten wären ja auch ungünstig, wie die Verantwortlichen sehr richtig realisiert haben. Das interessiert die Leute eben einfach lange nicht so sehr wie dieser Schwachsinn.
Und so wird der Untergang der Esskultur, der soziale Faktor des Mittagessens, das Familienideal eines gemeinsamen Mahls, durch elektronische Geräte ersetzt, die dir alles über die Leute erzählen, die du wahrscheinlich nie im Leben treffen wirst.
Aber, wie schon mal an anderer Stelle erwähnt... das ist man ja inzwischen alles gewohnt.
Der ganz normale Schwachsinn, sozusagen.

Nach kurzer Zeit saß ich dann also auf meiner Kunstlederbank vor meinem Kuntsstofftisch mit dem Kunststofftablet und dem Kunststoffessen darauf.
Und wie ich das eben gerne tue, beobachtete ich nebenbei, was so um mich herum geschah.
Dabei konnte selbst ich irgendwann nicht mehr verhindern, dass meine Aufmerksamkeit sich zeitweise den Bildschirmen zuwandte.
Zumal sie einfach ÜBERALL waren, verfluchte Scheiße.
Und da erfuhr ich dann so nützliche Sachen, wie das im lokalen Kino bald ein Film laufen würde, der tatsächlich "LOL" heißt, dass es in Hollywood rumorte, Nicole Richie würde bald heiraten... und natürlich dass man nicht mal mehr beim Fressen von Werbung verschont wird.

Wieder mal blieb mir da Germany's next Topmodel als herausragendes Negativbeispiel in Erinnerung.
Wir stellen uns folgende Szenerie vor:
Eine modisch gekleidete Frau mit Topfigur, professionell geschminkt und wahrscheinlich zudem digital überarbeitet, sitzt auf einer Bank in einem friedlichen Park und fummelt an ihrem Nintendo DS herum, wobei man ihr ansieht, dass sie fünf Minuten vor Drehbeginn nicht wusste, dass es so etwas überhaupt gibt.

Was sie spielt? "America's Next Topmodel", erhältlich für Wii und DS.

Und wie auf Kommando bricht plötzlich Chaos um sie herum aus. Journalisten, Kameramänner und Fotografen stürmen von allen Seiten ins Bild und umringen sie, Blitzlichtgewitter, Stimmengewirr, das Knipsen von Fotoapparaten. Sie sitzt da mit einem überraschten Gesichtsausdruck, den ich mit zwei Promille noch besser spielen könnte und fängt nach kurzer Zeit an, sich in Pose zu werfen, räkelt sich auf der Bank und spielt ihre Rolle an dieser Stelle zum ersten Mal wirklich überzeugend.
Es folgt der Übergang, das Spiel wird gezeigt und irgendeine verschlafene Praktikantin liest einen Text ab, an den ich mich nicht mehr erinnere, der aber wohl auf "Werde zum Topmodel blahblub sei ein Star wargh!" hinausläuft.

Tja, da sitzt man dann, und vergisst fast, dass man eigentlich zum Essen hier ist.
Man wendet den Blick ab und beobachtet seine Umgebung, vornehmlich bevölkert von Menschen, über die genau die Leute, die diese Werbung erdacht haben, wohl die Nase rümpfen würden; Ungepflegte Unterschichtler, Handwerker mit Schweißgeruch der nicht mehr im ignorierfähigen Rahmen liegt, Menschen, die Klamotten anhaben, die aussehen, als wären sie von der Altkleidersammlung aus Afrika zurücktgeschickt worden.
Und alle tapsen sie durch den modernen Mastbetrieb, sitzen zufrieden grunzend um ihre Plastikfuttertröge herum und stopfen das billige Fressen in sich hinein, dass ihnen vorgeworfen wird, während der Bauer ihnen mit einem Megafon von einer Empore aus zuschreit, immer weiter zu fressen und sich vollzustopfen, weil sie nur schön sind, wenn sie so fett werden, dass sie aus allen Nähten platzen. "Fressen und schlafen, das ist euer Idealzustand, euer Paradies, und wir geben euch alles was ihr braucht in unserem grenzenlosen Altruismus!"
Und im Hinterraum wetzt der Schlächter schon seine Messer.

Nicht weit von mir, ein paar Tische weiter, zwei Weibchen der Gattung Homo sapiens, denen man auf den ersten Blick an ihrer hautengen, glitzernden und blinkenden, pelzigen Bekleidung und dem bröckelnden Putz auf ihren Gesichtern ansieht, dass sie die Beine schon breit machen würden, wenn man mit einem frisch gewaschenen, tiefergelegten Fiat Cinquecento vorführe.
Warum frisch gewaschen?
Weil er dann so krass glänzt.

Jedenfalls erkannte man sofort an dem glasigen Blick, mit dem eine von ihnen den Bildschirm fixierte, während die andere sich genüsslich und auf nicht gerade appetitliche Weise Nahrung zuführte, dass das System funktionierte.
Als sie dann auch noch mit einem Stupser, den ich persönlich als Kinnhaken definieren würde, die Aufmerksamkeit ihrer Freundin forderte, dem Bildschirm zunickte und wohl so etwas sagte wie "Schau mal, geil ey!", musste ich einen Moment überlegen, ob ich jetzt weinen, aufstehen und die ganze Einrichtung zerlegen oder lachen sollte.

Ich entschied mich zu lachen.

Einfach, weil's am angenehmsten ist.

Und man auf lange Sicht nicht überleben wird, wenn man sich für eine der anderen Alternativen entscheidet. So berechtigt sie auch erscheinen mögen.

Und man kann ja zum Beispiel auch darüber lachen - oder sich zumindest, gemein wie man ist, schadenfroh darüber freuen - dass die neue Staffel GNTM Berichten zufolge äußerst schlechte Quoten einfährt.
Vielleicht ist man sogar so optimistisch, zu hoffen, dass dies das Ende dieses Formats bedeuten könnte.

Womit man sich aber am Ende selbst belügen würde.

Denn der nächste Schwachsinn kommt bestimmt.

Samstag, 6. März 2010

Mehr als nur meckern.

Aus aktuellem Anlass, nämlich einem für diesen Eintrag im Wesentlichen nicht weiter wichtigen Gespräch in einem Forum, habe ich mich entschlossen, jedem Leser hier und vor allem den wenigen, die von meinem ständigen Politikgelaber und meinen Crashkursen à la "Warum Deutschland eigentlich total am Arsch ist und wie sehr und überhaupt." in Privatgesprächen vermutlich bereits vollkommen entnervt sind, Wege aufzuzeigen, abhängig von eigenem Interesse und eigenen Möglichkeiten eben mehr zu tun als... nur zu labern und zu meckern.

Die typischen Pauschalantworten, die für gewöhnlich darauf hinauslaufen, seine Meinung auch anderen gegenüber zu vertreten und das insbesondere, wenn man gerade mal wieder nicht gefragt wird, oder Konsequenzen für sein persönliches Verhalten und Handeln zu ziehen, klammere ich hiermit dabei gleich mal ganz bewusst aus, da ich mir dann sowieso oft genug Argumente wie "Es bringt doch eh nichts." und "Als Einzelner kann man doch sowieso nicht ausrichten..." anhören muss, die dann aufgrund meiner sehr eindeutigen Antworten nicht gerade dazu beitragen, mir den Ruf eines freundlichen, höflichen Menschen einzubringen.

Was also kann man darüber hinaus tun, und wenn es auch nur ein kleines bisschen ist, um sein Gewissen zu beruhigen und sich ein paar Minuten nicht mehr wie ein untätiges, feiges Schäfchen zu fühlen?
Ja, süße kleine Schäfchen, das seid ihr, nicht wahr? Dumme süße kleine Schäfchen! Haargenau! Ah wusiwusiwu!

Nur leider trottet ihr dem Wolf hinterher und lasst euch von ihm vor dem Hirten beschützen.

Nun, da wäre zum Beispiel Campact - Demokratie in Aktion, deren Aktivitätsspektrum durch den Namen, der "Campaign & Action" verbindet, bereits treffend zusammengefasst wird. Campact organisiert nicht nur Kampagnen und öffentliche Demonstrationen, es bietet auch die Möglichkeit, sich via Internet ganz schnell und unkompliziert an Petitionen, Unterschriftensammlungen und Sammelklagen zu beteiligen.
Darüber hinaus kann jeder weitergehend Interessierte den Newsletter bestellen und sich so mit einem Mindestmaß an eigener Initiative auf dem Laufenden halten. Ihr müsst nur auf die Mail klicken und lesen!
Wow!
Zusätzliche freiwillige Unterstützung kann auch eine Fördermitgliedschaft oder Spende an diese gemeinnützige und parteienunabhängige Organisation beinhalten.

Außerdem hätten wir da noch Mehr Demokratie e.V., ein Verein, der sich vor allem die Einführung bundesweiter Volksentscheide und deren Verankerung im Grundgesetz zum Ziel gemacht, also die Möglichkeit für das Volk, über wichtige Sachfragen in Zukunft direkt und für die Politiker verbindlich abzustimmen, was ich persönlich massiv unterstütze.
Bisher scheitert MD e.V. zwar an der für eine Verfassungsänderung nötigen Zweidrittelmehrheit im Bundestag, aber immerhin haben sie die Disskusion mehrere Male neu entfacht und 2002 sogar eine absolute Mehrheit erreicht - die nötige Zweidrittelmehrheit aber scheiterte damals an einer Blockade durch die Union.

Was so was bringen soll?

Nun ja, wenn man zum Beispiel mal die Stimmung im Volk bezüglich des Afghanistan-Einsatzes der Bundeswehr beobachtet, dann - wären wir simpel gesagt nicht dort, wenn es darüber einen Volksentscheid gegeben hätte.
Und würden keinen verfassungswidrigen Angriffskrieg führen, den die Regierung durch fadenscheinige Umbenennung und Umformulierung wie "Stabilisierungseinsatz" oder "nicht internationaler bewaffneter Konflikt" zu legitimieren versucht.
Ach bitte, verarscht werd' ich schon von meiner Freundin genug.
Und einen Verteidigungskrieg würde ich das wirklich nicht nennen.
Womit es für mich verfassungswidrig ist.
Punkt.

Und nicht zuletzt Transparency International und LobbyControl, die beide gegen Korruption und Lobbyismus agieren.
Und wer jetzt denkt, Korruptionsvorwürfe gegen Politiker, die hin und wieder mal in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses rücken, könnten als Einzelfälle abgetan werden, der führe sich bitte einmal zu Gemüte, dass Lobbyismus in Deutschland prinzipiell legal und erwünscht ist (um "Interessensgemeinschaften die Möglichkeit zu geben, auf die Politik Einfluss zu nehmen"... Welche "Interessensgemeinschaften" es sich leisten können, quasi Berufslobbyisten zu unterhalten, das möge sich an dieser Stelle mal jeder selbst denken.) und der Bundestag sogar eine Art Pass für Lobbyisten ausstellt, um ihnen ihre Arbeit noch ein bisschen leichter zu machen.
Es gibt genug Beispiele von sogenannten Volksvertretern, die durch ihre Politik und den Beschluss neuer Gesetze bestimmten Unternehmen lukrative Aufträge im Namen des Staates zugeschanzt haben und nach ihrer politischen Karriere bemerkenswert schnell gut bezahlte Anstellungen in eben diesen Großkonzernen fanden (*hustSchröderhust).
Natürlich nur, weil sie ohnehin so kompetent und für jeden erdenklichen Themenbereich qualifiziert sind. Deshalb wählen wir sie ja, stimmt's?
Genauere gesetzliche Bestimmungen, mehr Transparenz und ein unabhängiges Kontrollgremium, das darauf achtet, dass all das auch so durchgeführt wird, wie es dann in wunderhässlichem Beamtendeutsch schwarz auf weiß gedruckt sein sollte, sind damit die größten Ziele dieser beiden Organisationen.
Immerhin ist die Tatsache, dass HartzIV-Empfänger all ihre Einkünfte genauestens offenlegen müssen (Kontoauszüge als Beweisdokumente vor der Bundesagentur?!), damit sie auch ja ihre lächerlichen paar Kröten von Vater Staat bekommen, während Politiker schwer durchschaubare Nebeneinkünfte beziehen, die Höhe ihrer Diäten samt steuerfreier Kostenpauschale selbst bestimmen dürfen, und - ohne jemals in irgendeine Altersvorsorge eingezahlt zu haben - an ihrem Lebensabend geradezu fürstliche Beträge kassieren, nicht nur eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, nein, es zeigt auch, dass Politiker in punkto Kontrolle zwei Messlatten verwenden - für sich selbst und die oberen Zehntausend, und für den ganzen dreckigen Rest.
Wenn dann der HartzIV-Empfänger immer wieder mal von einzelnen Politikern und den Medien pauschal als Sozialschmarotzer diffamiert wird, zweifle ich doch wirklich manchmal an meinen pazifistischen Idealen.

Das wäre im Prinzip erst einmal das Wesentliche. Auf zwei dieser Organisationen bin ich unabhängig voneinander gestoßen, aber wie ihr seht, arbeiten sie auch oft zusammen, wie zum Beispiel aktuell bei ihrer Kampagne für eine Reform der Parteienfinanzierung.
Wie sehr sich hier jeder, der interessiert ist, engagiert und für welche Organisation und welche Kampagne, bleibt ihm selbst überlassen. Aber die Möglichkeit steht euch frei.
Und natürlich könnt ihr auch weiterhin sagen, "Das bringt doch alles nichts." und was weiß ich, aber hin und wieder dürft ihr mit diesen Vereinen dann doch auch mal nicht gerade unwichtige Erfolge genießen.

Außerdem ist es einfach ungesund, so was in meiner Gegenwart zu sagen.

Aber, um wieder auf meine Einleitung und das Gespräch, das mich zu diesem Eintrag animiert hat, zurückzukommen - nur allabendlich vor dem Fernseher oder in Privatgesprächen zu meckern bringt eben doch so gut wie gar nichts.

Donnerstag, 4. März 2010

Im Lande der Dichter und Denker...

... da wird nicht mehr gedichtet und vor allem nicht mehr gedacht.

Nein, das soll jetzt keine Abhandlung über den erschreckend massiven deutschen Braindrain, die massenhafte Auswanderung unserer Akademiker vor zu Tode gesparter Wissenschaft und Forschung in andere Nationen werden, die mit wesentlich besseren Konditionen locken und uns Handküsse dafür zuwerfen, dass wir einen Großteil ihrer zukünftigen Bildungselite zum Nulltarif ausbilden.
Obwohl das ja auch ein wunderschönes Thema ist.
Erinnert mich jemand daran, mich darüber nochmal irgendwann hier aufzuregen?

Aber nein, vielmehr will ich diesmal von einem Ereignis berichten, dass mich, wie das ja sehr oft so ist, wenn ich mir die Welt um mich herum mal wieder etwas genauer ansehe, doch etwas traurig gestimmt hat. Und außerdem die ultimative wirtschaftliche Wahrheit bestätigt, dass die Nachfrage das Angebot bestimmt.
Was mich in diesem Fall gleich noch trauriger macht.
Nun, ich vermute, nicht allzu viele Leser hier wissen, dass ich mich derzeit mit einem bezahlten Praktikum in einer Buchhandlung vor zu viel Freizeit und Gelegenheit zum Nachdenken bewahre.
Ja, jetzt wisst ihr's.
Jedenfalls begab es sich also vergangenen Freitag, als ich am Feierabend gemütlich vom Laden zu meinem Auto flanierte, dass ich an der Buchhandlung Pustet vorüber kam, in der ich früher immer gekauft habe. Ich muss an dieser Stelle gestehen, auch bei mir hat in den letzten Jahren das Browsen auf amazon das Stöbern im Laden größtenteils ersetzt - ich hatte das Geschäft also seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr betreten.
Wie dem auch sei, ich hatte Feierabend, das Wochenende stand vor der Tür und auf mich wartete nur ein kaputter Computer und eine neoamazonische Rasurfaschistin, daher beschloss ich, mir mal ganz lockerflockig anzusehen, was "die Konkurrenz" so zu bieten hat.
Ich betrat also zielstrebig das für eine Buchhandlung doch sehr große Geschäft und brachte erstmal mit eiligen Schritten die gefühlten zwei Dutzend Regale hinter mich, die unter der Last unzähliger Exemplare Twilight, Harry Potter, der "Biografie" "von" "Bushido" und was weiß ich was sonst noch fast zusammenbrachen. Bis ich den hinteren Bereich erreichte, in dem sich schon deutlich weniger Lebewesen tummelten.
Diejenigen also, die nach Büchern suchten, die nicht mit Postern, Plakaten und menschengroßen roten Papppfeilen für die ganz Blinden angepriesen wurden oder die noch bereit waren, zwanzig Schritte zu gehen, und das Angebot nach dem Werk ihrer Wahl zu durchforsten.
Wie gesagt - deutlich weniger eben.
Da war ich nun also und arbeitete mich langsam, Schritt für Schritt, durch die beschrifteten Sektionen, um mir mal einen Überblick zu verschaffen.

Da hätten wir die beachtlich umfangreiche Abteilung "Kochbücher" mit mehreren wunderschön gestalteten Rezeptauflistern für HartzIV-empfänger, die kulinarische Köstlichkeiten zum Niedrigstpreis anpriesen und dem Leser zum Beispiel empfahlen, in seiner beträchtlichen Freizeit doch einfach mal auf dem Rasen vor der Plattenbauwohnung nach Kräutern zu suchen. Denn wir wissen ja alle, diese Schweine faulenzen sowieso den ganzen Tag auf ihren Luxusyachten, schlürfen teuren Champagner und genießen in "spätrömischer Dekadenz" ihren "anstrengungslosen Wohlstand".
Nur zu fressen können sie sich bei so viel Luxus dann eben nichts mehr leisten. Höchste Zeit also für professionelle Kochbücher.
Demnächst dann übrigens der Nachfolger, Stalingrad-version: Was man aus verwesten Tierkadavern noch alles rausholen kann und wie man welches Körperteil am Menschen am besten zubereiten sollte!
Aber davor müssen wir den Sozialstaat noch ein bisschen abbauen.
Keine Sorge - wir arbeiten schon daran.

Dann wären da noch die Mangas, mit beeindruckender fachlicher Kompetenz einfach kommentarlos in der "Comic"-sektion untergebracht, womit unsere kulturelle Ignoranz wieder einmal absurde Blüten treibt.
Love Hina praktisch direkt neben Asterix und Tim und Struppi?
Oh je.

Außerdem die ausufernde Sektion "Ratgeber/Lebenshilfe", wo einem absolut Unbekannte ohne ersichtliche Bescheinigung ihrer Kompetenz Crashkurse zum Thema "möglichst schnell Glück/Zufriedenheit/Karriere/Geld" anbieten.
Ich frage mich nur, warum es dann heutzutage so viele Arbeitslose und Depressive gibt - Tendenz steigend - wo das Angebot doch so breitgefächert ist.
Oh ja, natürlich, Entschuldigung - weil man dafür zwanzig Schritte gehen müsste.
Aber hey - zumindest dürften die Autoren glücklich und zufrieden sein. Und Geld bekommen sie wohl auch genug!

Die Sektion "Humor" übergehe ich jetzt mal genau so schnell, wie ich daran vorbeigegangen bin, als ich Mario Barths Fratze auf dem Langenscheidt-knieschuss "Frau - Deutsch/Deutsch - Frau" gesehen habe. Übrigens gibt es auch schon "Frau - Deutsch/Deutsch - Frau 2", "Mann - Deutsch, Deutsch - Mann", "Sex - Deutsch, Deutsch - Sex", "Anwalt - Deutsch, Deutsch - Anwalt" und demnächst "Tisch - Deutsch, Deutsch - Tisch".

Über die Sektion "Klassik" schweige ich mich ebenfalls aus.
Gezwungenermaßen.
Wenn's die gibt, hab' ich sie nämlich nicht gefunden.

Aber da! Was ist das! Was sehen meine tränengefüllten Augen! Eine "Philosophie"-sektion! Tatsächlich! Es gibt noch Hoffnung!
Da standen sie also vor mir, die großen Werke jener deutschen und internationalen Denker, die Bücher, die einem bei der Lektüre eine ganz neue Sicht auf sich selbst und die Welt offenbarten, wenn man sich nur auf sie einließ.
"Die Kommunion - Mein Erinnerungsalbum"
Hm?
"Wege zum Glück"
Was zum...?
"Das alte und neue Testament für Kinder"
Bitte?!

Ich dachte einen Moment lang, da hätte jemand was falsch einsortiert. Kann ja durchaus passieren, wenn man auch Love Hina neben Asterix und Tim und Struppi stellt.
Aber nein, es wirkte vielmehr als hätte die Sektion links daneben - "Religion" - eine massive Offensive gestartet und den Philosophiebereich mit jeden Widerstand brechender, unterdrückerischer, hirnloser Gewalt erobert.
Und je länger ich nach Titeln suchte, die man wirklich als philosophische Werke bezeichnen konnte, ohne rot zu werden, desto grausamer wurden die Entdeckungen, die ich machte.
Natürlich gibt ein Eden nicht so schnell auf. Als sich in den Bereichen auf Augen-, Brust-, Magen- und Kniehöhe nichts finden ließ, ging ich trotz meiner berühmt-berüchtigten Faulheit tatsächlich in die Hocke, um mir die unterste Reihe durchzusehen.
IN DIE HOCKE!
SO VERZWEIFELT WAR ICH!

Und ich sollte belohnt werden. Was meine Stimmung nicht zwangsläufig hob.
Da standen sie, ganz unten ganz rechts, gerade noch so reingequetscht, wie es schien.
Fünf kleine Büchlein.
Nietzsches "Also sprach Zarathustra", "Die fröhliche Wissenschaft", und - Entscheidet euch schon mal, ob ihr lachen, weinen oder kotzen wollt. Habt ihr's? Gut, dann weiter. - "Der Antichrist".
Neben Kinderbibeln und Kommunionsalben, die den Geist unserer wehrlosesten Gesellschaftsmitglieder mit platten, billigen Gleichnissen und pseudotiefgründigen Phrasen vergewaltigen sollen.
Wir halten in dieser Zeile einmal kurz inne und stellen uns alle zusammen vor, wie Friedrich Nietzsche in eben diesem Moment in seinem Grab rotiert wie eine CD im Laufwerk.
Das andere war ein kleines... ich sage mal, Prospekt "Schopenhauer für Anfänger". Zwei Mal.
Das war es.
Fünf "Bücher". Drei von Nietzsche und zwei über Schopenhauer.
Philosophie heute.

Kant? Vergiss es.
Hegel? In deinen Träumen.
Kierkegaard? Ist das was zum Essen?
Hobbes? Sartre? Rousseau?
PLATON?!
Nein.

Das war der Moment, an dem ich aufstand und ging. Und zusah, dass ich möglichst schnell zu meinem Auto komme.
Damit mich niemand beim Weinen sieht.

Versteht mich an dieser Stelle nicht falsch.
Wenn hier jemand gerne Twilight liest, sei es ihm gegönnt (solange derjenige bei Robert Pattinsons Anblick nicht die Kontrolle über höhere Denkfunktionen, sein Kreischorgan und seine Blasenfunktion einbüßt - dann jedoch müsst ihr euch gefallen lassen, von mir als herausragende Vollidioten bezeichnet zu werden.), Harry Potter mag ich selbst, so simpel gestrickt es in jeder Beziehung auch sein mag, es hat immerhin dazu beigetragen, viele Kinder, Jugendliche und auch Erwachsene zum Lesen zu bringen, auch solche, die vorher beim Anblick von gedruckten Worten die Flucht ergriffen hätten, und wer der Meinung ist, die Biografie von Bushido, geschrieben von einem Menschen, der bestimmt von Bushido ordentlich bezahlt worden ist, sei irgendwie interessant - bitte.
Aber muss es nicht wenigstens auch für Leute wie - und ich benutze dieses Wort jetzt mal pauschal, ganz auf eigene Gefahr - "uns" ein Angebot geben, dass unsere Nachfrage befriedigt? Oder sind wir so wenige? So verdammt wenige, dass wir unbemerkt durch das Raster der Marktforschung in die unergründlichen Tiefen der Massenverblödung fallen?
Scheinbar.

Denn glaubt ihr, ich habe irgendetwas von Kafka gefunden?
Habe ich nicht.
Oder denkt ihr, irgendwo hätte Goethes Faust rumgelegen?
Lag er nicht.

Damit nähern wir uns hier ganz langsam und vorsichtig einer Thematik an, die in allerlei intellektuellen Kreisen oder solchen, die sich dafür halten, hinlänglich bekannt ist;
Darf es denn überhaupt sein, dass die wahre literarische Kunst, Werke, die nicht nur handwerklich grandios gemacht sind und die Bezeichnung Kunst allein dadurch verdienen (und nein, eine Charlotte Roche verdient diese Bezeichnung nicht, wenn sie mit modern-geschliffenen vermeintlich Geistigkeit andeutenden Phrasen über alles schwafelt, was die Männerwelt nie wissen wollte - das haben vor ihr schon ganz andere gemacht, nur hatten die wirklich geistige Tiefe und eine Intention abseits von Ekel, Tabubruch und Schockwirkung, deren Fehlen nicht durch einen erzwungen pseudokünstlerischen Schreibstil vertuscht werden musste. Und deswegen keinen Erfolg. Von den ganzen Trittbrettfahren, die ihr Werk auf den Plan gerufen hat, ganz zu schweigen.), sondern die auch eine Botschaft transportieren, zum Nachdenken anregen, (Selbst-)Erkenntnise provozieren und - in unserer Zeit vielleicht wichtiger denn je - kritisieren, von mal mehr, mal weniger platter Unterhaltungsliteratur verdrängt werden, deren Erfolg vornehmlich darauf beruht, den kleinsten gemeinsamen Nenner der Interessen und Bedürfnisse möglichst vieler verschiedener Zielgruppen anzusprechen?
Ja.
Das darf sein.
So grausam es für Leute wie uns auch klingt.
Das darf so sein, ganz einfach, weil es so ist und von der absoluten Mehrheit auch gewüscht wird.
Natürlich kann auch Unterhaltung die oben genannten Aspekte teilweise erfüllen. Und wenn sie dabei noch gut ist, dann ist das doppelt wünschenswert, weil sie ein großes Publikum erreicht.
Aber diese Möglichkeit, diese Verantwortung, wird heute von viel zu vielen vergessen.

Und was wollen wir dagegen tun?
Es ist das gute Recht der Masse, sich auszuschen, was sie will und was sie nicht will.
Das ist ihre Freiheit.
Und wenn sie diese Bücher nun einmal für langweilig, antiquiert und verstaubt halten, dann ist das zunächst so. Zwingen, Interesse für andere Werke abseits dieser Sparte aufzubringen können wir sie nicht.
Das könnte allerhöchstens unser Bildungssystem, und tut es auch in manchen Fällen. Allerdings ist das fast immer ein Schuss ins eigene Knie, dann der Zwang, ein Buch zu lesen, für das man sich nicht interessiert, wird absolut sicher nicht dazu beitragen, ein positives Vorurteil diesem Buch gegenüber aufzubauen. Ganz im Gegenteil.
Aber vielleicht könnte man ja Interesse wecken und fördern, ohne Zwang aufzubauen? Vielleicht liegt es auch daran, dass ein Goethe, ein Kafka oder ein Nietzsche einfach nicht über die gewaltige Medienpräsenz und den aufgeblasenen Propaganda-apparat einer Stephenie Meyer-verfilmung verfügt? Dass er deswegen in der kollektiven Wahrnehmung der Masse einfach untergeht? Weil kaum jemand da ist, der sich noch bemüht, sein Image aufzupolieren? "Nietzsche, der christenfeindliche, Deutsche hassende Außenseiter und Revoluzzer!" - und Millionen Immigranten würden zuschlagen und anfangen, Neonazis verbal mit Zitaten aus seinen Werken zu bashen?
Wobei mich der Gedanke an kreischende weibliche Teenies vor Bücherregalen mit einem großen Nietzsche-portrait darüber auch nicht gerade glücklich macht.

Aber nein. Ich fürchte, es wird dabei bleiben. In zweihundert Jahren wird man dann im Deutschunterricht - falls wir mal ganz optimistisch sind und uns vorstellen, so etwas gibt es zu diesem Zeitpunkt noch - die literarischen Epochen durchgehen, und ab 2000 spricht man dann allgemein vom "modernen Mittelalter der Literatur".

Ich jedenfalls werde mir meine Bücher vermutlch auch weiterhin via Internet bestellen.
Oder allenfalls in dem Buchladen kaufen, in dem ich momentan selbst arbeite.
Da sind die Bereiche "klassische Literatur" und "Philosophie" zwar auch nicht gerade üppig, aber es steht wenigstens drin, was auch drauf steht.

Und hey - immerhin gab es in der Sektion "Bestseller" ja auch solche Bücher wie Michael Jürgs "Seichtgebiete - Warum wir hemmungslos verblöden." und "Die verblödete Republik - Wie uns Medien, Wirtschaft und Politik für dumm verkaufen" von Thomas Wieczorek. Beides Empfehlungen von mir.

Die Hoffnung stirbt also zuletzt.

Aber täuscht euch nicht, wir sehen seit Jahren zu, wie sie langsam und qualvoll krepiert.

Freitag, 12. Februar 2010

"Germany's next Topmodel" oder das Schlimmste, was Frauen seit der Erfindung des Korsetts passiert ist.

Als ich mich - aus dem einzigen Grund, aus dem ich mich dem öffentlichen Fernsehprogramm noch aussetze, nämlich, um mir die Simpsons anzusehen - vor wenigen Tagen durch meine eigene Faulheit (siehe unten) wieder einmal gezwungen sah, verblödete Werbeinhalte über mich ergehen zu lassen, musste ich etwas erfahren, dass für mich persönlich schlimmer als die Androhung körperlicher Gewalt ist;

"Am vierten März wird Deutschland wieder schöner! Germany's next Topmodel by Heidi Klum!"

Ich erlaube mir an dieser Stelle einmal großzügig, von meinem reservierten Tonfall abzuweichen.

BLÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖRGHKOTZSPUCK!

Nun gehört das Bashen von Casting-sendungen in allerlei (pseudo-)intelligenten Kreisen ja mittlerweile zum guten Ton. Da wird von niveaulos und entwürdigend gesprochen, von öffentlicher Schadenfreude und Voyeurismus.
Was natürlich von DSDS über Popstars bis zu GNTM auch in verschiedenem Maße zutrifft.
Zumal ich absolut nicht nachvollziehen kann, wie eine Jury aus selbsternannten Experten - allesamt durchaus mittelmäßige, talentlose, egomanische, aufmerksamkeitssüchtige Hirnlose, deren einzige wirklich herausragende Eigenschaft darin besteht, ihre Blödheit medienwirksam vermarkten zu können - sich das Recht herausnehmen kann, in aller Öffentlichkeit andere Menschen zu entwürdigen und zu beleidigen.
Was hat ein Dieter Bohlen, ein, seien wir ehrlich, nicht übermäßig begabter Musiker, der sich dennoch gern als Poptitan bezeichnet und uns nur zu gern in aller Öffentlichkeit von den Abenteuern seines primären Geschlechtsorgans (und dessen neuesten Beutetieren) und seiner Beziehungsunfähigkeit berichtet, für ein Recht, zugegebenermaßen naive Bewerber mit menschenverachtenden Sprüchen zu überhäufen?
Logisch betrachtet keines.
Und dennoch applaudiert ihm das Publikum bei jeder Staffel und jeder miesen Bemerkung aufs Neue, liegt ihm zu Füßen, wenn er ein Opfer nach dem anderen öffentlich abfertigt und blamiert, und zelebriert lachend und klatschend in ihrer unbegrenzten Schadenfreude und ihrem erschreckenden Voyeurismus den Untergang der Menschenwürde in den deutschen Medien.
Denn - hey, wenn man auch selbst sein Leben als totalen Fehlschlag bezeichnen muss, bekommt man hier in aller Öffentlichkeit den Beweis, dass es trotzdem noch schlimmere Versager, noch peinlichere Freaks und noch größere Idioten gibt.
Puh, Glück gehabt.
Zumal periodisch immer mal wieder Gerüchte laut werden, dass die tatsächlichen Begebenheiten bei den Castings durch geschickte Schnitttechnik etwas anders dargestellt werden, als sie wirklich waren. Oder dass manche der besonders peinlichen "Bewerber" erst durch humanitäre Spenden des Senders davon überzeugt wurden, der Welt ihre fehlenden Talente und ambitionierten Ziele zur Schau zu stellen.

So interessant diese Fragen und Gerüchte generell auch sind, so geht es mir hier, vor allem bezüglich der neuen Staffel GNTM, doch um etwas Anderes.
Denn auch wenn diese menschenverachtende Scheiße genannt Casting, das Pendant zur mittelalterlichen Freakshow, mehr als ausreichen würde, um mich auf die Palme zu bringen, so ist es vor allem in Bezug auf Heidi Klums periodisch wiederkehrende Wahl des am wenigsten hässlichen Gerippes Deutschlands etwas Anderes, das mich zum Kopfschütteln bringt.
Und zwar die Ideale, die durch diese Sendung einem gewaltigen Publikum im Allgemeinen und einer riesigen weiblichen Zielgruppe im Speziellen eingetrichtert werden.
Denn die wenigen Male, die ich wirklich minutenweise diese Castings mit angesehen habe (meist zwangsweise, wenn eine meiner Schwestern sich das zu Gemüte geführt hat), wurde mir vor allem eines klar:
Hier wird nicht nach Schönheit gesucht, und schon gar nicht nach Ausstrahlung. Weiblichkeit ist nicht erwünscht, realistische Anforderungen sind absolut nicht vorhanden.
Nein, hier ist man auf der Suche nach Gesichtern, die möglichst hohen Profit versprechen, nach Individuen, die sich möglichst effektiv in ein vielfältiges gewinnversprechendes Produkt verwandeln lassen.
Der Mensch als Ware in einer Industrie, die Ästhetik propagiert.
Anders kann ich mir nicht erklären, dass die meiner Meinung nach schönsten Frauen den ersten Castings zum Opfer fielen.
Hier wird ein Ideal verherrlicht, dass seit Jahren immer bedenklichere Formen erreicht: Schön heißt mager, schön heißt, die Rippen sehen zu können, schön heißt, den Körper eines unterernährten zehnjährigen Jungen zu haben. Ein Kilo drauf auf den Idealwert und du bist nicht mehr schön, du bist nichts mehr wert, du bist keine Modelware mehr.
Diese Einstellung ist in den letzten Jahren nicht nur in dieser Branche ein Problem geworden, sie greift genau durch solche Serien auch in der weiblichen Bevölkerung um sich, und führt oft genug zu wirklichen Problemen, wenn Frauen absolut realitätsfernen Zielen nacheifern, die meiner Meinung nach absolut nichts mehr mit Schönheit zu tun haben.
Denn, ganz ehrlich, wenn ich eine Frau mit dem Körper eines zehnjährigen Jungen wollen würde, dann würde ich schlicht und einfach einen zehnjährigen Jungen ficken.

Naja...natürlich würde ich das nicht.
Wahrscheinlich.
Ich weiß es nicht wirklich, denn ich will ja gar keine Frau, die den Körper eines zehnjährigen Jungen hat.
Die Frage, die ich mir stelle, ist eigentlich, warum diese Gesellschaft so scharf darauf ist, ihren weiblichen Bevölkerungsteil kaputtzumachen.

Abgesehen davon bereitet mir der Gedanke an diese Serie aber vor allem wegen einer anderen Einstellung Kopfschmerzen, die von den Juroren ganz gezielt gefördert wird, und das ist das absolute Konkurrenzdenken.
Denn der Weg zur Spitze ist hart, und natürlich muss man ohne die geringste Spur von Mitleid jeden aus dem Weg räumen, der einem dabei auch nur ansatzweise gefährlich werden könnte. Fairplay oder Respekt vor dem Gegenüber sind nur Hürden, die man sich dabei selbst in den Weg stellt, die Mitbewerberinnen sollen keine Freundinnen sein, sie sind keine Menschen, sie sind Konkurrentinnen, sie sind Probleme, die man überwinden muss.
Denn das ist freier Wettbewerb.
Ich erinnere mich, das Thomas Wieczorek in seinem Buch "Die verblödete Republik" hier einen expliziten Sachverhalt anspricht, der sich in der Serie ereignet hat - man verzeihe mir an dieser Stelle, dass ich ihn nur grob wiedergeben kann;

Es verhielt sich wohl im Prinzip so, dass eine Kandidatin während der Sendung zugunsten einer anderen auf einen Fototermin verzichtete, weil sie der Meinung war, dass jene andere Bewerberin diese Chance mehr verdient hatte.
Normale Menschen würden dies nun - zumindest hoffe ich das - als Fairplay, als eine großzügige Geste anerkennen, die Respekt verdient hat.
Doch Frau Klum schiebt jenen Gedanken einen Riegel vor, indem sie besagter Kandidatin dieses Verhalten als Schwäche vorwirft, sie zusammenscheißt und ihr mitteilt, dass man so natürlich kein Topmodel wird.
Wieczorek benutzt dafür meiner Meinung nach sehr treffend den Term "Homo oeconomicus" für eine Gattung Mensch, zu der wir, wenn es nach der Wirtschaft und nach diesen Sendungen geht, am besten alle gemacht werden sollen.
Eine Gattung Mensch, die keinen Platz mehr hat für Mitgefühl oder Mitleid, keine Zeit für soziale Gedanken irgendeiner Art, eine Gattung Mensch, die alles tut, was von ihr verlangt wird, um weiter nach oben zu kommen, die sich verbiegt und verstellt, nur um die Anforderungen zu erfüllen, die an sie gestellt werden, und die nur an ihren eigenen Erfolg denkt.
Und das wird dann als Persönlichkeit bezeichnet.
Ich bezeichne das als pervers.

Immer wieder wird beklagt, dass dieses Land, diese Gesellschaft in erschreckendem Maße sozial kälter wird, und gleichzeitig verbuchen Sendungen, die jeden sozialen Gedanken prinzipiell verneinen und bestrafen, die es regelrecht belohnen, wenn die Kandidaten unsozial denken und handeln, Rekordeinschaltquoten.
Dem Publikum wird eingetrichtert, dass Erfolg nur durch rücksichtsloses Konkurrenzdenken erreicht werden kann, und als Beweis generieren Casting-sendungen ganze Heerscharen von C-Promis, für die sich kein noch so blödes Schwein interessiert, die aber als ganz große Stars propagiert werden und sich auch für solche halten.

Denn wenn jeder an sich selbst denkt, ist an alle gedacht, richtig?
Und scheiß auf die, die zu schwach sind oder Rücksicht auf andere nehmen, scheiß auf die Idioten, die auf der Strecke bleiben, scheiß auf die dämlichen Arschlöcher, die als Nebenprodukt einer erfolgs- und karrieregeilen Gesellschaft enden - die haben's nämlich gar nicht anders verdient.

Das zwingt mich nun im Endeffekt doch, eine Gegenthese zu formulieren.
Denn ich persönlich sage, scheißt auf Erfolg, auf Karriere und Geld, scheißt auf Statussymbole und den Luxuswahn, scheißt auf Castingshows und die verfickte Promi-obsession, scheißt auf Ideale, die euch alles nehmen, was euch erst zu Menschen und Individuen macht.

Und wisst ihr was?
Das ist ganz einfach.
Ihr müsst nämlich nur nicht zuhören.

Ihr müsst nur einen kleinen Knopf drücken und den Fernseher ausschalten.

Freitag, 5. Februar 2010

Werbung.

Ich muss etwas gestehen.
Etwas Ungeheuerliches. Etwas, das jedes bewusstseinsfähige Lebewesen umhauen wird.

Ich sehe mir Werbung an.
Freiwillig.
Wirklich.
Wie es dazu kam, ist eine Geschichte voller kaputter Fernbedienungen und fauler Edens, die jedoch an dieser Stelle nur als Prolog für etwas viel Interessanters dienen soll und von daher ihren Zweck mit der Erwähnung an dieser Stelle bereits erfüllt hat.
Anfangs bin ich tatsächlich noch bei jeder Werbung aufgestanden und habe per Hand umgeschaltet, weil ich diesen Schwachsinn wie die meisten halbwegs intelligenten Menschen schon nicht mehr ertragen kann. Allerdings bin ich eben einfach von Natur aus faul, und irgendwann habe ich dann eben, hauptsächlich um die Zeit totzuschlagen, angefangen, mich mal auf Werbeinhalte einzulassen und sie zu bewerten.

Traurigerweise konnte ich dadurch keine signifikanten Verbesserungen hinsichtlich des Unterhaltungswertes feststellen. Vielmehr müsste man eigentlich, wenn man darüber nachdenkt, die Welt den ganzen Tag fröhlich lachend mit einem appetitlichen Strahl Kotze eindecken.
Feuer mit Feuer bekämpfen.
Aber man kann ja in seinem ganzen verdammten Leben gar nicht so viel fressen, wie man in diesem Moment kotzen will.
Anders ausgedrückt: Für wie blöd halten uns eigentlich die verantwortlichen Unternehmen und Werbeagenturen inzwischen? Oder haben sie mit ihrer Beurteilung sogar recht (was den von Natur aus fröhlichen Eden dann doch sehr, sehr traurig machen würde)?
Da erzählen uns wildfremde Menschen ohne jedes schauspielerische Talent, die vermutlich nach der letzten Gerichtsshow so dankbar waren, überhaupt nochmal Arbeit zu bekommen, dass sie den Job für eine Flasche Wodka angenommen haben, wie toll doch ein bestimmer Augenoptiker ist.
"Ich sag' das nicht nur so, das ist wirklich so! Achja, hey, Mama, ich bin im Fernsehen!"
Schön ist auch, wenn unter diesen Laiendarstellern dann ein Mensch ist, der in der grausamen Realität allzuschnell zur Randgruppe der gar nicht coolen Streber und Nerds abgeschoben werden würde, und mir erzählt, wie hübsch doch die weiblichen Angestellten bei besagtem Augenoptiker sind.
Unterschwellige Botschaft: "Freaks, Versager und Streber versammelt euch, sogar IHR könnt eine abkriegen. Ihr braucht nur ne Brille von uns (solange SIE keine hat...)!"
Thema Partnervermittlung durch die Wirtschaft - da denkt man dann natürlich sofort an Axe.
Wo selbst der hässlichste, abgefuckteste Freak plötzlich zur Beute von sabbernden, kreischenden Frauen mit Traummaßen wird, bei denen jeder höhere Denkprozess unterbrochen wird, wenn man sich nur irgendeine Scheiße unter die Achseln sprüht, die so kraftstrotzende Namen wie "Dark Temptation" oder "Hot Fever" hat. Aber Scheiße bleibt nun mal Scheiße und riecht auch immer wie Scheiße, auch wenn ich "Nahrung 2.0" dazu sage.
Die grausame Wahrheit ist, auch wenn euer Deo cool ist und einen kraftstrotzenden Namen hat, ihr bleibt hässlich, ihr bleibt abgefuckt und vor allem bleibt ihr Freaks.
Es gibt kein tolles paradiesisches Produkt, dass auf einen Schlag plötzlich all eure kleinen Versagerprobleme löst und euch zu intelligenten, erfolgreichen, vermögenden Frauenhelden macht.
Das will man nämlich auch gar nicht.
Denn wenn die Käuferschicht mit dem zufrieden wäre, was sie hat, würde sie sich ja zwangsläufig fragen, warum sie die ganze sinnlose Scheiße überhaupt brauchen sollte, die ihr da angepriesen wird.
Nein, nein, ihr seid Versager, vergesst das bloß nicht! Weil ihr kein Axe benutzt. Und weil ihr keine Brille von Fielmann tragt. Auch wenn ihr vielleicht perfekte Augen habt, ihr seid einfach scheiße!
Kauft Zeug von uns! Kauft nur weiter den Mist, den ihr eigentlich gar nicht braucht, in der Hoffnung, eure dämlichen, eingebildeten kleinen Probleme zu lösen, die ihr gar nicht hättet, wen ihr sie euch nicht einreden lassen würdet - das ist der Weg zu wahrer Glückseligkeit!

Das widerlichste Beispiel und vorläufiger Höhepunkt medialer Massenverblödung ist für mich allerdings diese unsägliche Media Markt-werbung mit jenem Menschen namens Mario Barth, den ich nach diesen Auftritten einfach nur noch als humoristischen Schwerverbrecher bezeichnen kann.
Nicht nur dass sein gehirnzellenvernichtender Pauschalklischeehumor jeder Informationsgrundlage entbehrt, - zwei Typen spielen mit Milchaufschäumern rum! Das ist ein unwiderlegbares Argument dafür, dass Media Markt jedem Konkurrenzunternehmen überlegen ist! - er scheitert auch grandios daran, sein eigentliches Ziel zu erreichen. Zumindest nehme ich persönlich das als Indiz für mangelnde Qualität, wenn ich den Auftritt eines "Comedians" eher als hinterhältige Foltermethode empfinde.
Ich möchte an dieser Stelle natürlich nicht pauschalisieren. Vielleicht gibt es Leute, die finden das witzig.
Kann sein.
Wie es ja auch irgendwo Leute gibt, die der letzten Massenhysterie namens "Schweinegrippe" gefolgt sind.
Ich frage mich nur immer - wo sind die? Denn genau wie ich bei der Schweinegrippe in meinem Umfeld niemanden finden konnte, der nicht in Gelächter ausbrach, als man ihn fragte, ob er sich impfen lassen wolle, kenne ich niemanden, der bei dieser Werbung nicht das Gesicht vor seelischen Schmerzen verzieht.
Also bitte, wo seid ihr? Wo versteckt ihr euch? Meldet euch endlich mal, ich will's doch nur verstehen!

Der entsetzliche Höhe- und zugleich Schlusspunkt des Gehirnzellenmassenmordes tritt übrigens dann ein, wenn der werte Herr Barth uns auch gleich noch die persönliche Rechtfertigung für seine Verbrechen gegen die Menschlichkeit nachschiebt, indem er ins Mikrofon brüllt:
"Dit habta euch vadient!"

Ich will ja nicht stellvertretend für andere sprechen, aber ich erinnere mich nicht, irgendetwas derart Verwerfliches getan zu haben, dass ich SO ETWAS verdient hätte.
Vielleicht als juristisches Strafmaß für Schwerstverbrecher.
Aber wir sind ja nicht alle Schwerstverbrecher.
Und Folter und Todesstrafe haben wir ja immerhin inzwischen auch abgeschafft.
Also warum?

Sonntag, 13. Januar 2008

Über die wirklich guten Spiele

Ihr alle kennt es.

Ihr wisst, wovon ich rede, wenn ich sage, dass das Leben als Videospieler ein ständiges Spiel mit dem Feuer ist (vor allem in finanzieller Hinsicht).
Ihr wisst, wie es sich anfühlt, stundenlang vor dem Bildschirm zu hängen und ein Spiel wirklich zu genießen. Ein Spiel, das es versteht, mitzureißen, zu begeistern, vielleicht auch zu berühren, ein Spiel, das euch vergessen lässt, dass ihr eigentlich irgendwie auch ein RL haben könntet.
Ihr wisst, wie sich Enttäuschungen anfühlen, wenn man ein potenzielles Highlight monatelang erwartet und es sich als totaler Rohrkrepierer entpuppt.
Ihr kennt das ständige Auf und Nieder in der Welt der Videospiele, die Perlen der multimedialen Unterhaltung und die ekelerregenden Ausscheidungen fehlgeleiteter Entwicklerstudios.

Ihr alle kennt es.

Und ihr wisst auch, was ich meine, wenn ich sage, dass es unter all diesen tausenden Spielen, die im Laufe der Jahre erscheinen, immer wieder einige wenige geben wird, die mehr sind als eben nur das. Mehr als Unterhaltung. Mehr als Freizeitbeschäftigung. Mehr als nur ein Spiel.
Titel, die mit besonderen Momenten, mit grandiosen Erinnerungen und Gefühlen der Nostalgie verknüpft sind. Vielleicht auch obwohl - oder gerade weil - sie anderen nichts bedeuten.

Die Siedler war für mich so ein Spiel. Auch, wenn ich die neuen Teile der Serie heute skeptischer betrachte, niemand wird mir die Erinnerungen an damals nehmen, als ich als kleines dummes Arschloch vor einem vollkommen veralteten PC saß und stundenlang gezockt habe, teilweise sogar noch ohne wirklich zu verstehen, um was es ging.

Halo war für mich so ein Spiel. Denn Halo bedeutete für jemanden wie mich, der zuvor nie wirklich an Videospielen interessiert war, den Zugang zu etwas Neuem, etwas Faszinierendem. Ich habe es tage-, wochen-, ja monatelang gespielt, oft sogar immer wieder dieselben Levels, ohne dass es mir je langweilig geworden wäre. Ich bin heute noch mit demselben dämlichen Sack befreundet, mit dem ich zu jener Zeit nichts anderes getan habe als „Angriff auf den Kontrollraum“, „der schweigende Kartograph“ und „Doppelter Verrat“ zu spielen, immer und immer und immer wieder. Ich halte es heute noch für einen Meilenstein.

Und Mass Effect ist für mich so ein Spiel.

Natürlich nicht, weil mit Mass Effect irgendwelche wunderbaren Erinnerungen verbunden wären - das ginge ja irgendwie schlecht, in der kurzen Zeit.
Aber ich halte es für das beste Spiel, an das meine dreckigen Zockergriffel seit Jahren Hand anlegen durften.
Dieses Meisterstück der modernen Unterhaltung hatte mich länger, härter und umfassender an den Eiern als jedes Spiel der letzten Jahre, einschließlich Halo 3 und Bioshock und was weiß ich nicht was noch.
Das liegt nicht daran, dass es nicht seine zum Teil deutlichen Schwächen hätte wie jedes andere Videospiel auch. Natürlich gibt es Schwierigkeiten bei der Technik, der Umsetzung und dem Gameplay. Aber das ist es nicht, was dieses Spiel ausmacht.

Mass Effect erzählt. Es wird nicht einfach gespielt und dann vergessen. Es lässt sich Zeit. Die Entwickler versuchen nicht, eine gewisse Stundenanzahl mit möglichst viel möglichst beeindruckender und harter Action zu füllen, damit sie nicht von ihren Spielern gelyncht werden.

Mass Effect ist wie ein guter Film der alten Schule. Es erklärt, es zeigt, es lässt der Story Zeit, sich selbst zu entfalten. Es erschafft eine glaubhafte, interessante, auch mal emotionale Welt, führt dem Spieler ihre Eigenarten, ihre Seltsamkeiten und Sehenswürdigkeiten vor Augen.
Die Begleiter des Helden, wie auch beinahe alle anderen bedeutenden und storyrelevanten Figuren, sind nicht nur Marionetten, die man möglichst weit und effektiv aufzurüsten versucht. Sie alle, jeder einzelne von ihnen, hat eine eigene Vergangenheit, einen Charakter, und keiner von ihnen ist der in Videospielen so oft stilisierte makellose Held - von der leicht rassistischen menschlichen Soldatin bis zum außerirdischen Ermittler, der zivile Opfer ohne Zögern in Kauf nimmt. Und obwohl man ihre Schwächen und teilweise gravierenden Fehler kennt, ist jeder von ihnen auf seine Art sympathisch – und sei er auch ein grausamer, gnadenloser Söldner, der erst im Laufe des Spiels an Tiefe und Persönlichkeit gewinnt.
Jede Figur im Spiel hat ihre eigenen Beweggründe und Ziele, sogar der Antagonist (im Übrigen ist Saren meiner Meinung nach eine der faszinierendsten Figuren in der Geschichte der Videospiele) strebt im Grunde nur etwas Gutes, wenn auch Naives, an. Sein Scheitern, seine Zweifel, die ganze Tragik seiner Figur wie auch die der Protheaner, die in all ihrer Größe und Glorie doch nicht fähig waren, sich selbst zu retten, werden dem Spieler erst am Ende wirklich bewusst.
Denn wenn die Schlacht zu Ende und die Galaxie gerettet ist, wird nur eines klar: Die wirkliche Schlacht kommt noch. Und sie wird immer wieder kommen, solange wir oder irgendeine bewusstseinsfähige Spezies existieren. Den ultimativen Frieden, die Erlösung der Menschheit wird es niemals geben. Alles, was wir tun können, ist uns Atempausen zu erkämpfen. Atempausen vor dem nächsten Kampf.

Mass Effect ist nicht nur einfach ein Spiel. Es ist ein Symbol. Es bewegt. Es zeigt, zu welch emotionaler Bandbreite Videospiele fähig sind, wie sehr sie den Spieler in eine Geschichte hineinzuversetzen in der Lage sind, noch besser als jedes andere Medium es auch nur ansatzweise könnte. Und wenn es auch am Ende die Ketten zu einer neuen, größeren, besseren Art von Videospielen nicht sprengt, so merkt man doch langsam, dass viele der Glieder schon rostig sind und bald fallen werden.

Vielleicht ja schon in wenigen Jahren – wenn der zweite Teil kommt.

Mittwoch, 21. November 2007

Von Kaugummis und Bombenanschlägen

Ohne einleitende Worte einfach mal aus meinem Kurzgeschichtenordner herauskopiert:

- -

Wie immer saß er dort.
Wie jeden Abend zusammengesunken in den ewig gleichen Sessel, erschöpft, müde, ausgelaugt und nicht mehr fähig, auch nur einen einzigen klaren Gedanken zu fassen.
Wie nach jedem gottverdammten Tag seines Lebens, den er verschwendete, um sich von der Gesellschaft einen weiteren Atemzug, ein paar Momente Leben, ein bisschen Freiheit zu erkaufen.
Freiheit für Sklaverei.
Jeden Tag ein bisschen mehr sterben, nur um weiterzuleben.
Ein leiser Widerstand regte sich in seinem Kopf, er fühlte, wie sein erkaltetes Herz mit einem Mal schneller schlug, wie ein bitteres Lächeln die Miene seines faltigen Gesichts verzerrte.
Aber er hatte verloren, das wusste er – der Teil in ihm, der sich noch wehrte, hatte nur noch nicht begriffen, dass der Krieg längst zu Ende war.
Seine fahrige Hand griff nach der Fernbedienung, schaltete den Fernseher ein, auf den sein starrer, leerer Blick gerichtet war.
Das allabendliche Ritual begann.
Er wühlte sich mit schlaftrunkenem Geist durch Sender und Programme, verweilte kurz bei Bildern, die sein Interesse weckten, die auch nur ein wenig an der rauen Schale seines ermüdeten, gelangweilten Geistes kratzten, die noch fähig waren, einen kleinen Funken Begeisterung in ihm zu wecken.
Der Finger auf der Fernbedienung zuckte.
Dem Blick seiner blutunterlaufenen Augen offenbarten sich Bilder einer Schauspielerin auf irgendeiner nichts sagenden Veranstaltung irgendwo auf dieser gottverdammten Welt, deren Perversion ihn längst nicht mehr interessierte. Der Kameramann hielt mit zitternden Händen, als hätte er eine riesige Entdeckung vor sich, auf ihren Schuh und filmte den winzigen Kaugummi, der an ihrem Absatz klebte, begleitet von dem einschläfernden Kommentar irgendeiner Praktikantin eines zweitklassigen Boulevardmagazins.
„London - Auch eine Angelina Jolie ist vor Peinlichkeiten nicht gefeit. So geschehen bei der gestrigen Premiere ihres Films "Beowulf". Auf dem roten Teppich in London ließ sich Jolie von Freund Brad Pitt und einem Kaugummi begleiten. Laut der britischen Zeitung "The Sun" klebte der fiese Kaugummi am Absatz ihres linken Schuhs, leider bemerkte Jolie dies nicht und schleppte das Kauwerk bis in den Filmsaal. Die Fotografen sahen das Ganze natürlich und hielten drauf.“
Begleitet von zahlreichen Nahaufnahmen Angelina Jolies aus allen erdenklichen Winkeln und Perspektiven.
Gefolgt von zahlreichen Nahaufnahmen des Kaugummis aus allen erdenklichen Winkeln und Perspektiven.
Das Lächeln auf seinem Gesicht schwand – der Finger auf der Fernbedienung zuckte.
Das Programm wechselte zu einem Nachrichtensender, einem jener halbwegs seriösen Bollwerke des Verstandes in einer stürmisch-dümmlichen Medienlandschaft. Ein transparenter Balken am unteren Bildschirmrand ließ unentwegt kurze Nachrichten über den Bildschirm flimmern.
Er kniff die Augen zusammen.
„Eilmeldung: Weitere Bombenanschläge im Irak – fünf Tote und dreiundzwanzig Verletzte in Bagdad.“
Es dauerte nur sieben Sekunden, sieben erbärmliche Sekunden, bis der Schriftzug durch das Bild gehuscht war. Als wäre er unerwünscht. Als wolle man nicht, dass die Menschen ihn lesen. Weil er unangenehm war.
Sieben Sekunden.
Der Finger auf der Fernbedienung zuckte, die Bilder wichen einem stummen, eindringlichen Schwarz.
Ächzend erhob er sich, legte die Fernbedienung langsam beiseite, bettete sie fast zärtlich auf das Sofa, auf dem er ohnehin nie saß, wie einen Schatz, wie das wertvollste Relikt seines Lebens.Fünf Tote, dreiundzwanzig Verletzte – sieben Sekunden.
Ein Kaugummi am Schuh einer gottverdammten Schauspielerin – mehr als eine Minute.
Er spürte den Widerstand in seinem Kopf, spürte das rasende Pochen seines Herzens, spürte, wie der alte Kampfgeist wieder Besitz von ihm ergriff.
Sieben Sekunden.
Diesmal lächelte er nicht.
Er nickte nur, nickte dem schreienden, kreischenden, um sich schlagenden Dämon in seinem Inneren zu, als müsse er ihm erst erlauben, aus seinem Körper auszubrechen.
Wie in Trance drehte er sich um, die faltigen Hände packten seinen Lieblingssessel, er riss das Möbelstück in die Höhe als wäre es federleicht und warf es direkt in die widerwärtige Schwärze, die ihm aus dem Fernseher entgegenstarrte.
Eine Explosion aus Splittern und Scherben stob durch das Zimmer, Funken sprühten wie ein kleines Feuerwerk aus dem Gerät, um seine Tat zu honorieren, das Klirren und Knirschen des zerstörten Fernsehers erfüllte den Dämon in seinem Inneren mit schierer Freude.
Er schrie, stieß mit dem Fuß in die funkenstiebende Bestie, trat nach, immer und immer wieder, packte den Fernseher, schleuderte ihn quer durch den Raum, dass er an der gegenüberliegenden Wand zerbarst.
Sieben Sekunden.
Der Dämon schrie.

- -

Discuss.

Montag, 22. Oktober 2007

Videospielnostalgie und Zukunftsfantasien

Ich habe vor wenigen Tagen für eine mehr oder weniger gute Freundin zu ihrem Geburtstag ein mehr oder weniger interessantes Gerät bei einem mehr oder weniger seriösen Anbieter erstanden.
Ja. Ihr habt schon richtig gesehen. Ein Nintendo 64. Im Pokémon-design.
Und das Ding hat mich sogar ein ganzes Stückchen mehr gekostet, als ich erwartet habe... was mich natürlich zu der Frage bringt, ob besagte Freundin eher mehr oder eher weniger gut ist.
Aber das übersehen wir einfach mal, denn darum geht es heute nicht.
Nun, das Ding ist dieses Wochenende angekommen, und misstrauisch wie ich als deutscher Konsument nun mal bin, habe ich es gleich Mal angeschlossen, mir irgendein Spiel aus der verstaubten Ecke meines Regals gegriffen und es in den Modulschacht gerammt, um zu testen, ob es auch funktioniert.

Und auf geht's.

Nun, erst einmal war ich etwas irritiert, als ich das Ding anwarf (und der Schalter sieht tatsächlich wie ein Pokéball aus. Heilige...) und mir Pikachus Wangen in einem alarmierenden Warnrot entgegenblinkten. Was sich aber nach ein paar Sekunden in ein anhaltendes Glühen umwandelte und anscheinend normal ist.
Aha.
Habe ich schon erwähnt, dass Pikachus rechter Fuß der Reset-Knopf ist? Nintendo traut uns nicht einmal zu, das selbst rauszukriegen, nein, es steht in einer fetten Sprechblase mit Ash's Hackfresse auf der Vorderseite der Konsole.
Es gibt doch wirklich Menschen, die ziehen ihre Ideen konsequent durch...

Nun saß ich also da in meinem Zockersessel, neben mir lagen neue und blutige Errungenschaften der Videospielgeschichte - Halo 3, Bioshock, die Orange Box - und ich spielte - na?
Super Mario 64.
Was mich, nachdem ich es wie ein wahrer Nintendo-fanboy an einem Tag durchgespielt habe, zu drei wesentlichen Erkenntnissen führt:

1. Ich werde alt.
Nein, wirklich, ich passe wohl so langsam nicht mehr in die Zielgruppe des Nintendo 64. Das fällt mir schon auf, wenn ich mir so einige Dialoge ansehe, die ja in dem Spiel wirklich selten vorkommen. Zum Beispiel, ich zitiere frei aus dem Gedächtnis:
König Bob-Omb: "Hahaha! Ich herrsche nun über dieses Land! Du wirst es niemals schaffen, meine Schwachstelle auszunutzen und mich am Rücken zu packen. Haha."
Äh, ja, genau. Kann mir eigentlich jemand sagen, warum jeder Bösewicht in einem finalen Gespräch immer seinen teuflischen Plan und die einzige Schwachstelle darin verrät? Haben die etwa Mitleid mit uns? Ist ihnen langweilig? Masochismus? Ich verstehe es nicht.

2. Ich hasse Toad.
Daran hat mich das Spiel endlich wieder erinnert. Ich habe damals sogar bei Mario Kart immer versucht, zu verhindern, dass dieser verdammte Pilzkopf die Strecke lebend verlässt. Was natürlich nicht ging, weil das Spiel ihn immer zurück auf die Rennstrecke setzt.
Hachja
, wunderbare Kindheitserinnerungen.

3. (und darauf will ich eigentlich hinaus) Videospiele entwickeln sich heutzutage rasend schnell.

Wenn ich mir nur ansehe, was für Welten zwischen diesen etwa zehn Jahren liegen:
Niemand ist je darauf gekommen, die Grafik von Super Mario 64 zu kritisieren. Es war 3D. Und damit war es aktuell. Und damit war es gut. Fertig. 3D, YAY!
Heute regen wir uns auf, weil ein Halo 3 nicht ganz mit den hochglanzpolierten Grafiken anderer Blockbustertitel mithalten kann und ein kleines bisschen weniger umwerfend aussieht.
Niemand hat je nach der Story von Super Mario 64 gefragt. War doch auch scheißegal, Sterne sammeln, Bösewicht töten, Prinzessin retten. Passt. Und dafür hat man dann am Ende...einen Kuchen bekommen. wtf?
Heute kritisieren wir, dass es einige Logiklücken und ungeklärte Fragen in einer komplexen, gigantischen Trilogie gibt, deren Bedeutung wir als wichtig empfinden, obwohl sie mit dem eigentlichen Spielverlauf nichts mehr zu tun haben.
Und überhaupt: Hat es uns damals interessiert, warum Bowser böse war? War er vielleicht neidisch auf die Schönheit von Peach, wollte er tief in seinem Inneren auch nur eine reiche, hübsche Prinzessin sein? Haben ihn die anderen Monsterschildkröten in seiner Kindheit gehänselt? Was hat überhaupt ein italienischer Klempner mit der ganzen Sache zu tun? Ein sprechender Pilz? Und WAS ist Yoshi eigentlich?

Aber was soll's - was ich eigentlich sagen will:
Erst in der direkten Gegenüberstellung wird klar, was für Riesenschritte die Videospielindustrie in den letzten zehn Jahren gemacht hat. Und genau dieser Vergleich jagt mir einen kalten Schauer über den Rücken, wenn ich daran denke, wo wir in weiteren zehn Jahren sein werden.
Werden wir es schaffen, Spiele zu kreieren, die endlich vollkommen fotorealistisch sind? Bis keine Steigerung mehr möglich ist? Werden wir an die Grenzen unserer Technologie stoßen (was zugegebenermaßen schon zu 64-bit-zeiten prophezeit wurde)?

Was wird dann passieren?

Wird endlich die große Zeit der Stilblüte anbrechen, die sich die schärfsten Kritiker schon so lange erhoffen? Werden Spiele, sobald sie nicht mehr mit Grafik auftrumpfen und punkten können (die dann ja zugegebenermaßen bei jedem Spiel gleich sein müsste), anfangen, sich mehr auf eine ausgefallene, intelligente Story zu konzentrieren? Werden die Welten komplexer, größer, vielschichtiger und interessanter? Werden die Spielemacher sich gegenseitig mit bahnbrechenden Innovationen überbieten, weil sie sich nur noch damit von der Konkurrenz abheben können?

Discuss!